Samstag, Dezember 3, 2022

Pater Romuald: „Mir war die Gemeinschaft wichtig“

Anzeige

Wer­ne. Fast zehn Jah­re lang hat Pater Romu­ald Hüls­ken in Wer­ne als Guar­di­an des Kapu­zi­ner­klos­ters gewirkt. Am 20. März hat er sich offi­zi­ell ver­ab­schie­det und wird sich neu­en Auf­ga­ben im Klos­ter Cle­mens­werth im Ems­land wid­men. Anke Bar­ba­ra Schwar­ze sprach mit ihm über sei­ne spi­ri­tu­el­le Hei­mat, über die aktu­el­le Kir­chen­kri­se und den anste­hen­den Ortswechsel.

Pater Romu­ald, was kam zuerst – die Ent­schei­dung, in einen Orden ein­zu­tre­ten oder der Wunsch, Kapu­zi­ner zu werden?

- Advertisement -

Zuerst kam die Beru­fung. 1979 habe ich am Kapu­zi­ner­gym­na­si­um Bocholt mein Abitur gemacht. Schon ein Jahr zuvor fühl­te ich mich hin­ge­zo­gen zum Leben der Kapu­zi­ner. Das Leben zwi­schen Akti­on und Kon­tem­pla­ti­on kam mir ent­ge­gen. Nach dem Abitur habe ich dann immer stär­ker gespürt: Du musst aus­pro­bie­ren, ob die­ses Leben für dich geeig­net ist. Und ich wuss­te, ich muss die­sen Schritt jetzt wagen. Sonst hät­te ich nach einer Aus­bil­dung oder einem Stu­di­um den Absprung even­tu­ell nicht mehr so ein­fach geschafft. In der Pra­xis, im Novi­zi­at im Klos­ter Wer­ne, habe ich dann gemerkt: Es passt. Ein­mal habe ich auch an einem Infor­ma­ti­ons­wo­chen­en­de des Bis­tums Müns­ter teil­ge­nom­men, da ging es ums Pries­ter­amt. Aber die Tätig­keit als Gemein­de­pfar­rer hat mich nicht so ange­spro­chen. Da ist man doch oft sehr auf sich allein gestellt und mir war die Gemein­schaft wichtig.

Die Klau­sur wird auch bei den Kapu­zi­nern weni­ger streng gehand­habt als frü­her; auch das Inter­net hebt die Abge­schie­den­heit hin­ter Klos­ter­mau­ern auf. Wo fin­den Sie Ihre geis­ti­gen Rückzugsorte?

Die fin­de ich im Gebet, in der Eucha­ris­tie und in der Medi­ta­ti­on. Geis­ti­ge Rück­zugs­or­te die­nen uns als Trep­pen­ge­län­der: Es sind not­wen­di­ge Unter­bre­chun­gen, um mit Jesus auf dem Weg zu blei­ben. Für uns Kapu­zi­ner erfolgt die­ser Rück­zug im gemein­schaft­li­chen Stun­den­ge­bet. Dazu zie­hen wir uns in einen eige­nen Chor­raum hin­ter dem Altar zurück. Als Ort der Stil­le ist die­ser Chor sehr wich­tig für uns – ein Ort der Ruhe, der Besin­nung und des Ankom­mens. Und nach der Ves­per (Anm. der Redak­ti­on: das Abend­ge­bet inner­halb der kirch­li­chen Stun­den­ge­be­te) gibt es noch eine gemein­sa­me stil­le Zeit.  Wich­tig ist es, eine die Balan­ce zwi­schen Stil­le und Gespräch zu fin­den. Beim gemein­sa­men Abend­essen zum Bei­spiel erge­ben sich vie­le Gesprä­che spon­tan, wie in einer Fami­lie. Das fin­de ich sehr schön. Und manch­mal tut es übri­gens auch gut, den Com­pu­ter gar nicht erst anzustellen.

Kir­chen­aus­trit­te, Miss­brauchs­stu­di­en, Reform­syn­ode: Kir­che und Klos­ter wer­den in Deutsch­land nicht mehr selbst­ver­ständ­lich bejaht. Wie lebt es sich in die­ser Situa­ti­on als Ange­hö­ri­ger eines Ordens?

Die gan­ze Ent­wick­lung schlägt natür­lich auf uns zurück, da auch Ordens­leu­te als Ver­tre­ter der Kir­che gel­ten. Hier in Wer­ne geht es noch, aber es gibt schon kri­ti­sche Nach­fra­gen. Und zu Recht. Es sind vie­le Feh­ler gemacht wor­den – den Miss­brauch so lan­ge zu ver­tu­schen und die Betrof­fe­nen nicht ernst zu neh­men. Die Opfer sexua­li­sier­ter Gewalt lei­den schließ­lich ein Leben lang. Ein gro­ßer Feh­ler ist es jetzt, sei­ne Sün­den oder Ver­säum­nis­se nicht zuzu­ge­ben, selbst wenn sie ein­deu­tig nach­ge­wie­sen wer­den. Als ich ein­trat war die Gesamt­si­tua­ti­on der Kir­che noch eine völ­lig ande­re. Heu­te fra­gen sich gera­de jun­ge Men­schen, ob sie da noch mit­ma­chen kön­nen. Und das kann ich nach­voll­zie­hen. Es fehlt eine posi­ti­ve Per­spek­ti­ve. Unse­re christ­li­che Bot­schaft ist gut, die hat immer noch Zukunft. Aber was das Boden­per­so­nal dar­aus gemacht hat, ver­dun­kelt man­ches. Wir lie­gen mit vie­len Din­gen buch­stäb­lich daneben.

Müns­ter, Bad Mer­gen­theim, Frank­furt, Wer­ne – das waren Sta­tio­nen Ihres Ordens­le­bens. Fal­len die Orts­wech­sel manch­mal auch schwer?

Die Kapu­zi­ner sind als fran­zis­ka­ni­scher Orden aus der Armuts­be­we­gung ent­stan­den. Dazu gehör­te auch das Unter­wegs­sein, was Fran­zis­kus sehr wich­tig war. Wie jedes Sys­tem hat das sei­ne Vor- und Nach­tei­le. Orts­wech­sel sind natür­lich nicht immer leicht. Gera­de wenn ich in einer Stadt eine Auf­ga­be mit Freu­de mache, fällt der Abschied schwe­rer. So ging es mir, als ich 2004 von Wer­ne nach Frank­furt ver­setzt wor­den bin. Heu­te möch­te ich die Erfah­run­gen, die ich dann dort gemacht habe, nicht mehr mis­sen. Seit 2013 bin ich wie­der sehr gern in Wer­ne und fin­de es scha­de, weg­zu­ge­hen. Aller­dings gehö­ren Ver­set­zun­gen zu unse­rer DNA. Dadurch rei­ßen natür­lich bis­he­ri­ge Kon­tak­te ab. Ande­rer­seits muss das auch sein, sonst könn­ten kei­ne neu­en ent­ste­hen. Und es lie­gen schließ­lich neue Chan­cen vor mir. Ich bin gespannt dar­auf, was in Cle­mens­werth auf mich zukommt. Das ist der Vor­teil, in einer Gemein­schaft zu leben: Ich kann mit den Brü­dern gemein­sam schau­en, was jetzt in mei­nem Leben dran sein könnte.

Was wer­den Sie beson­ders ver­mis­sen, wenn Sie sich jetzt im März von den Men­schen in Wer­ne ver­ab­schie­den müs­sen? Und auf was schau­en Sie beson­ders gern zurück?

Ich habe hier vie­le schö­ne Begeg­nun­gen gehabt. Mit Ver­gnü­gen wer­de ich an die Gesprä­che mit den Pil­gern zurück­den­ken, die auf dem West­fä­li­schen Jakobs­weg in Wer­ne Sta­ti­on gemacht haben. Und an die vie­len Besu­che, die ich gemacht habe. Ich tau­sche mich mit ein­fach gern mit Men­schen aus. Dazu kommt, dass wir Kapu­zi­ner in Wer­ne immer star­ke Unter­stüt­zung erhal­ten, zuletzt bei der Reno­vie­rung der Klos­ter­kir­che und der Sanie­rung der Hei­zungs­lei­tun­gen. Als Bet­tel­or­den sind wir immer auf Zuwen­dun­gen von Men­schen ange­wie­sen. Die­se Hil­fe durf­te ich in Wer­ne stark und posi­tiv erfah­ren. Ver­mis­sen wer­de ich außer­dem das Plät­zer- und das Okto­ber­fest. Das Plät­zer­fest gehört zu den Tra­di­tio­nen, die schon da waren und die ich wei­ter gepflegt habe. Das habe ich immer so gehal­ten: Din­ge erst ein­mal wei­ter­zu­füh­ren. Und in Wer­ne war in die­ser Hin­sicht genug zu tun. Die­se Auf­ga­ben waren gut und erfüllend.

Anzeige

Weitere Artikel von Werne Plus

Neuer Vorstand des Fördervereins der Marga-Spiegel-Schule gewählt

Werne. In der Mitgliederversammlung am 30. November 2022 wurde der neue Vorstand des Fördervereins der Marga-Spiegel-Schule gewählt. Nach dem Bericht des Kassenprüfers Rainer Wördemann über...

Zehn Jahre „Notfallkarte“ – bis heute ein Erfolgsmodell

Werne. Als vor nunmehr zehn Jahren die Mitglieder der Seniorenvertretung gemeinsam mit der Koordinierungsstelle für Bürgerschaftliches Engagement, Senioren und Behindertenarbeit (BEN) die Idee einer...

Bücher zum Advent: Ein Weihnachtswunder gibt es hinter Türchen Nr. 3

Werne. WERNEplus und Bücher Beckmann öffnen vom 1. bis zum 24. Dezember ein Türchen am literarischen Adventskalender. Dahinter versteckt sich jeden Tag ein lesenswertes...

Abwasser und Müll: Gebühren steigen in Werne nur minimal

Werne. Gute Nachrichten aus dem Haupt- und Finanzausschuss: Die Menschen in Werne werden in 2023 bei den Gebühren für Abwasser und Müll kaum stärker...