Ins Gersteinwerk rückt bei Notrufen ab sofort die Feuerwehr Werne aus. Guido Ernst von der Werkfeuerwehr überreichte symbolisch den Schlüssel an Feuerwehr-Chef Thomas Temmann. Im Hintergrund: Werkleiter Dr. Christoph Schlechter. Foto: Wagner
Ins Gersteinwerk rückt bei Notrufen ab sofort die Feuerwehr Werne aus. Guido Ernst (links) von der Werkfeuerwehr überreichte symbolisch den Schlüssel an Feuerwehr-Chef Thomas Temmann. Im Hintergrund: Werkleiter Dr. Christoph Schlechter. Foto: Wagner
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Stockum. Die Werkfeuerwehr des Gersteinwerks in Werne-Stockum hat nach 84 Jahren am 19. August 2020 planmäßig ihre Arbeit eingestellt. Die Brandschutzverantwortung für das Kraftwerksgelände mit vier verbleibenden Gasblöcken liegt fortan bei der Freiwilligen Feuerwehr Werne. Bei Guido Ernst, Leiter der Werkfeuerwehr, sorgte die Besiegelung beim Pressetermin am Montag für viel Wehmut.

Hauptgrund für diese „Rekommunalisierung der Werkfeuerwehr“ ist das Ende der Steinkohleverstromung in Werne-Stockum. Seit Block K im April 2019 stillgelegt wurde, hat sich das Brandschutz-Risiko deutlich verringert. Rückte die Werkfeuerwehr früher bis zu 200-mal pro Jahr aus, schlugen die rund 4.500 Brandmelder zuletzt nur noch rund 50-mal aus – Fehlalarme eingerechnet. Auf dem Kraftwerksgelände lagern keine Stoffe mehr, die per Störfallrecht eine Werkfeuerwehr vorschreiben würden. Zudem werden Ende 2020 statt der ursprünglich 200 Mitarbeiter nur noch elf Kollegen im Kraftwerk arbeiten – zu wenig, um rund um die Uhr einen vollen Löschzug bereit zu halten.

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Sein Opa und sein Vater waren schon bei der Werkfeuerwehr, schließlich auch Guido Ernst, der sagte: „Es fühlt sich unwirklich an, jetzt loslassen zu müssen. Die Arbeit war mehr Berufung als Beruf. Aber die Fortführung macht keinen Sinn mehr.“ Der bisherige Leiter und nun „nur“ noch Brandschutzbeauftragte überreichte symbolisch einen XXL-Spezialschlüssel, der zum Zurücksetzen einer Brandmeldeanlage benötigt wird, an Wernes Feuerwehr-Chef Thomas Temmann.

„Durch intensive Vorarbeit und viele gemeinsame Übungen und Einsätze mit den Kameraden der Werkfeuerwehr fühlen wir uns sehr gut vorbereitet auf die neue Aufgabe“, meinte Temmann. Er betonte aber, dass sich die Freiwillige Feuerwehr nicht um neue Aufgaben reiße, denn sonst käme das Ehrenamt irgendwann an seine Grenze. Durch eine neue Brandmeldeanlage im Werk sei er aber guter Dinge, dass Fehlalarme minimiert werden.

Die Brandschutzverantwortung im Gersteinwerk ist nach zweieinalb Jahren detaillierter Vorbereitung von der Werkfeuerwehr an die Freiwillige Feuerwehr Werne übergeben worden. Bürgermeister Lothar Christ (von links), Jörg Mehringskötter (Feuerwehr Werne), Guido Ernst (Leiter Werksfeuerwehr), Werkleiter Christoph Schlechter und Thomas Temmann, Chef der Freiwilligen Feuerwehr Werne, waren dabei. Foto: Wagner
Die Brandschutzverantwortung im Gersteinwerk ist nach zweieinalb Jahren detaillierter Vorbereitung von der Werkfeuerwehr an die Freiwillige Feuerwehr Werne übergeben worden. Bürgermeister Lothar Christ (von links), Jörg Mehringskötter (Feuerwehr Werne), Guido Ernst (Leiter Werksfeuerwehr), Werkleiter Dr. Christoph Schlechter und Thomas Temmann, Chef der Freiwilligen Feuerwehr Werne, waren dabei. Foto: Wagner

Die Werkfeuerwehr um Guido Ernst hatte in der Vorbereitung alle relevanten Gefahrenbereiche dokumentiert und mit sogenannten Feuerwehrlaufkarten, ein analoges Navigationsgerät, dafür gesorgt, dass die Einheiten schnell vor Ort eingreifen können, wenn sie gebraucht werden. Denn besonders die Ortskenntnis sei eine Herausforderung gewesen, so Thomas Temmann.

Die Bezirksregierung Arnsberg hat den Prozess begleitet und konkrete Auflagen erteilt: So mussten z.B. alle Gebäude durchnummeriert, neue Feuerwehrpläne erstellt, die Standorte aller Rauchmelder verzeichnet und sämtliche Gefahrenbereiche dokumentiert werden. Alles, damit sich die rund 160 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr im Ernstfall zurechtfinden. Und es funktioniert: Seit Jahresbeginn gingen sieben Alarme vom Werksgelände gleichzeitig bei der Freiwilligen Feuerwehr Werne und der Werkfeuerwehr ein. Bei diesen Einsätzen war die Werkfeuerwehr stets präsent. Doch die Einsatzleitung vor Ort lag bereits bei den Kollegen der städtischen Feuerwehr. Diese „Doppelbereitschaft“ endete mit Genehmigung der Bezirksregierung vergangene Woche.

Bürgermeister Lothar Christ dankte den Mitgliedern der Werkfeuerwehr und zollte seinen Respekt für die gute Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Feuerwehr in den vergangenen Jahren. Temmann ergänzte: „Die Kollegen hier waren immer unser fünfter Löschzug, sie haben immer dazu gehört. Es tat gut, die Werkfeuerwehr im Rücken zu haben.“ Tatsächlich sind einige „Blauröcke“ des Gersteinwerks auch Mitglied im Löschzug Stockum. Der stellvertretende Leiter der Feuerwehr Werne, Jörg Mehringskötter, hatte wiederum selbst eine 36-jährige Vergangenenheit bei der Werkfeuerwehr. Ob vielleicht das eine oder andere Fahrzeug der Kollegen zum Löschzug Stockum wechselt, sei allerdings ungewiss. „Wir führen Gespräche, aber RWE hat natürlich noch einige Werke, wo diese gebraucht werden“, so Mehringskötter.

Dr. Christoph Schlechter, Leiter des Gersteinwerks, erklärte: „Den letzten Tag ihrer Einheit haben die Männer unserer Werkfeuerwehr genauso vorbereitet, wie sie hier jahrzehntelang ihre Arbeit erledigt haben: professionell und als Teamplayer. Dafür verdienen sie höchsten Respekt. Eine so traditionsreiche Abteilung aufzulösen, ist hart.“

Doch die Rolle des Gersteinwerks habe sich gewandelt und eine Werkfeuerwehr sei nicht mehr erforderlich. Ein deutlich verkleinertes Kraftwerksteam sorge hier künftig dafür, dass die flexiblen Gasblöcke Strom bereitstellen, wenn es der Markt erfordert. Die Blöcke F und G sind ab Oktober Bestandteile der Kapazitätsreserve der deutschen Übertragungsnetzbetreiber.

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