Am heutigen Sonntag feiert der Tatort seinen 50. Geburtstag. Da heißt es Füße unter die Decke und einschalten. Foto: Volkmer
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Werne. Deutschlands älteste, wichtigste und erfolgreichste Krimi-Reihe wird 50! Die ARD feiert diesen runden Geburtstag ab Sonntag, 29. November, mit einer Doppelfolge, in der die Kommissare des Dortmunder Teams gemeinsam mit ihren Kollegen aus München ermitteln. Ein guter Zeitpunkt, ein paar Gedanken zum Thema Tatort aufzuschreiben.

„Ich habe schon Tatort geguckt, da bist Du noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gelaufen.“ Mit diesem Satz wollte mir vor vielen Jahren ein sehr guter Freund deutlich machen, dass er ein größerer Tatort-Anhänger sei, als ich. Doch er musste schnell feststellen, dass er falsch lag. Denn wer bitteschön guckt pro Woche durchschnittlich drei Folgen des Kult-Krimis? Also die Premiere am Sonntag und zwei Wiederholungen? Na also! Es gibt sogar noch rudimentäre Erinnerungen an den ersten Münchener Tatort-Kommissar Veigl, dargestellt von Gustl Bayrhammer. Den kennt mein Kumpel höchstens als Meister Eder.

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Ruhrpott-Raubein mit Herz am rechten Fleck

Deutlich besser in Erinnerungen geblieben sind aber die Ermittler, die etwas später die Krimiwelt bereicherten. Da waren beispielsweise die Kommissare Stoever und Brockmöller, dargestellt von Manfred Krug und Charles Brauer. Das auch privat befreundete Duo ermittelte meist tiefenentspannt, ohne dabei zu langweilen. Damit setzten die Hamburger Ermittler einen Gegenpol zum prügelnden und saufenden Kommissar Schimanski (Götz George), der die rauen Seiten des Ruhrpotts in Duisburg durchlebte und dabei einen echten Typen kreierte. Keinen pädagogisch wertvollen, aber einen Typen von denen, die heute eher selten im Fernsehen zu sehen sind. Dank diverser Wiederholungsreihen ergänzte in dieser Zeit der längst im TV-Ruhestand befindliche Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) das persönliche Tatort-Portfolio. Kommissar Haferkamp ermittelte in 20 Tatort-Folgen für die Kripo Essen. Irgendwie ein sympathischer Typ, nicht nur wegen der Vorliebe für Frikadellen.

Vom „Reifezeugnis“ bis zum „Wegwerfmädchen“

Dank der zahlreichen Wiederholungen ist zudem der 1977er Skandal-Tatort über die Liebe eines Lehrers zu seiner Schülerin präsent. „Reifezeugnis“ machte die 16-jährige Nastassja Kinski über Nacht zum Star. Es sollte nicht die erste Karriere sein, die durch den Tatort so richtig ins Rollen kam. Die SWR-Produktion „Happy Birthday, Sarah“ führte dazu, dass Schauspielerin Ruby O. Fee einem erwachsenen Publikum bekannt wurde und Emilia Schüle feierte nach dem Tatort-Doppel mit den Titeln „Wegwerfmädchen“ und „Das goldene Band“  ihren wohlverdienten Durchbruch.

Zu den zuverlässigsten Lieferanten spannender Unterhaltung der letzten Jahrzehnte gehört unter anderem der Kieler Hauptkommissar Borowski, gespielt von Axel Milberg. Oder das Duo Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare), die für die Sendereihe in Stuttgart ermitteln und Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) in Frankfurt. Deren Vorgänger Frank Steier (Jochim Król) und Conny Mey (Nina Kunzendorf) haben ebenfalls Eindruck hinterlassen, nicht nur wegen der teils spektakulären Fälle, sondern weil in der Rolle des Kommissars Steier beinahe mehr Abgründe als in den Fällen offenbar wurden.

Meist sozialkritisch angelegt sind die Einsätze von Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär). Das Duo ist bereits seit 1997 im Einsatz und schafft es immer wieder, das Publikum zu überraschen. Das Dresdner Tatort-Team um den konservativen Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) hat ebenfalls schon so manchen Knaller geliefert, den man gern noch einmal in der Wiederholung anschaut. Der Blick in die Nachbarländer lohnt sich ebenfalls, spätestens seitdem Chefinspektor Eisner (Harald Krassnitzer) und Kollegin Fellner (Adele Neuhauser) zusammen arbeiten.

Comedy-Krimis und echte Kontinuität aus München

Seit 2002 beweisen Krimalhauptkommissar Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Professor Dr. Boerne (Jan Josef Liefers), dass Tatort auch Comedy (sein) kann. So erfolgreich, dass es gut zehn Jahre später mit dem Paar Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) ein Tatort-Team in Weimar an den Start geschickt wurde, welches die meist etwas verrückten Storys mit einem humorvollen Umgangston bereichert. Das beste Ermittlerteam zu küren, ist nicht die Aufgabe des Verfassers. Fakt ist aber, dass das Duo Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) mit 84 Einsätzen bisher die meisten Fälle abgedreht hat – und das ist wohl kein Zufall.

Über den Tatort wird gern gesagt, er sei das letzte große Lagerfeuer unserer Gesellschaft. Da ist was dran. Der Tatort ist nach 50 Jahren eine Konstante im Leben vieler Menschen und weit mehr als nur Fernsehkultur. Letztlich ist die Krimireihe ein guter Grund, das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem zu unterstützen. Denn ein Sonntag ohne Tatort ist, wie ein Wochenende ohne Sonntag.

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