Montag, Januar 24, 2022

Musikfreunde Werne: Seit über 50 Jahren Freude an der Musik

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Ob Werne wirk­lich ein „musikalis­ches Brach­land“ war, wie es ein Zeitungs­bericht zur Grün­dung der Gesellschaft der Musik­fre­unde nan­nte, soll dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall emp­fan­den sechs Bürg­erin­nen und Bürg­er, dass eine konz­er­tante Bere­icherung des kul­turellen Lebens der Stadt gut tun würde.

In dieser Absicht trafen sie sich am 16. Feb­ru­ar 1970 in der Gast­stätte Rohrkamp: Gisela Schröder, Dr. Theodor Hol­len­ders, Rein­hold Stock­brüg­ger, Erna Krapp, Dr. Claus Pot­thoff und Jossy Steilen. Wie in einem Bericht zum zehn­jähri­gen Jubiläum amüsant erzählt wird, trug jed­er Beteiligte sein Päckchen an Bedenken mit sich herum. Doch jed­er gab sich „beträchtliche Mühe, den Kul­tur­op­ti­mis­mus der anderen zu hätscheln, die eige­nen Zweifel jedoch tak­tvoll zu verbergen“.

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Immer­hin teil­ten 50 weit­ere Konzertlieb­haber in Werne die Bestre­bun­gen und erk­lärten, ein­er musikalis­chen Gesellschaft beitreten zu wollen. Außer­dem bewil­ligte der Finan­zauss­chuss für die erste Sai­son 1970/71 einen Zuschuss von bis zu 5.000 DM für sechs Konz­erte. Auf dieser finanziellen und per­son­ellen Basis grün­dete sich die Gesellschaft der Musik­fre­unde am 21. Mai 1970 im Hotel „Cen­tral­hof“ mit 76 Mitgliedern.

Geistiger Vater der Musik­fre­unde war Jossy Steilen. Als Geiger des Phil­har­monis­chen Orch­esters Dort­mund ver­fügte er über notwendi­ge Kon­tak­te in die klas­sis­che Musik­szene. „Daher lag zunächst der Schw­er­punkt auf kam­mer­musikalis­ch­er Stre­ich­musik“, erin­nert sich die stel­lvertre­tende Vor­sitzende Anne Höttcke. Ohne­hin ver­fügte Werne zu der Zeit nicht über geeignete Räume für große Orchester.

1997 wurde der langjährige kün­st­lerische Leit­er der Musik­fre­unde, Jossy Steilen (rechts), mit dem Kul­tur­preis Stadt Werne aus­geze­ich­net. Der dama­lige Bürg­er­meis­ter Mein­hard Wich­mann nahm die Ehrung vor. Foto: Archiv der Musikfreunde

Die Stadt stellte auf Wun­sch der Musik­fre­unde den Bürg­er­saal im Alten Rathaus für die Kam­merkonz­erte zur Ver­fü­gung. Da das his­torische Gebäude aber zu der Zeit umfan­gre­ich restau­ri­ert wurde, mussten die Musik­fre­unde zunächst auf die Aula der Städtis­chen Realschule auswe­ichen. Dort fand am 24. Sep­tem­ber 1970 das erste Konz­ert statt. Es spielte das Schäf­fer-Quar­tett aus Düsseldorf.

Die weit­eren Konz­erte der Sai­son bedi­en­ten sich, wenn es die Beset­zung erforderte, eines geliehenen Konz­ert­flügels. 1971 kon­nten die Musik­fre­unde mith­il­fe von Spon­soren einen eige­nen Stein­way anschaf­fen. „Die Konz­erte entwick­el­ten sich bald zum Selb­stläufer“, erzählt die amtierende Vor­sitzende Dr. Susanne Ved­der. In den Gäste­büch­ern der Musik­fre­unde find­en sich illus­tre Namen wie Jus­tus Frantz, Michael Pon­ti, Detlev Eisinger und Mir­i­jam Con­tzen oder die Rus­sis­che Kam­mer­phil­har­monie St. Petersburg.

„Vor der Coro­n­a­pan­demie gab es kein Jahr, in dem ein Konz­ert nicht stat­tfind­en kon­nte“, berichtet Ved­der. Schon während der ersten Jahre erregte die Konz­ertrei­he über­re­gionale Aufmerk­samkeit. Der WDR nahm in der Sai­son 1979/1980 eine Rei­he von Konz­erten der Musik­fre­unde in Werne auf und übertrug sie – zeit­ver­set­zt – in der Senderei­he „Kam­merkonz­erte in NRW“.

Ein­träge aus den Gäste­büch­ern der Musik­fre­unde. Der Pianist Mal­colm Frager verewigte sich gle­ich zweimal, 1975 und 1987, mit seinen Noten. Foto: Archiv der Musikfreunde

Seit 1973 spie­len die Musik­er und Musik­erin­nen im Bürg­er­saal des Alten Rathaus­es. Seit­dem sind die „Rathauskonz­erte“ ein geflügel­ter Begriff in Werne. Susanne Ved­der: „Die Musik­er mögen die Atmo­sphäre, auch wenn die Akustik keinen falschen Ton verzei­ht.“ Außer­dem wür­den die Kün­stler schätzen, dass sie nach dem Konz­ert den Restabend nicht allein im Hotel ver­brin­gen müssen: „Wir gehen gemein­sam essen und reden dabei über Gott und die Welt und über Musik.“ Aus solchen Begeg­nun­gen wur­den neue Konz­erte geboren. So zeigte sich das Ven­tus-Quin­tett begeis­tert von der Idee der Fam­i­lienkonz­erte und ver­sprach, selb­st eines beizusteuern.

Mit den Fam­i­lienkonz­erten beschrit­ten die Musik­fre­unde 2010 neue Wege. Klas­sis­che Musik nicht nur zu hören, son­dern auch erk­lärt zu bekom­men – darum ging es in der ersten Fam­i­lien-Mat­inée, die die Musik­fre­unde Werne und die Peter-Pohlmann-Stiftung 2010 im Alten Rathaus ver­anstal­teten. Die Musik­fre­unde wollen ein junges Pub­likum an klas­sis­che Musik her­an­führen und legten das Konz­ert mit dem Bläserensem­ble „Embrassy-Quin­tett“ auf eine fam­i­lien­fre­undliche Zeit am Son­ntagvor­mit­tag. In den ersten Jahren hat­te sich der Vor­stand etwas mehr Zuhör­er erhofft. Hart­näck­ig rührten die Musik­fre­unde die Wer­be­trom­mel. „Wir haben beispiel­sweise auf dem Markt ges­tanden und das Fam­i­lienkonz­ert ange­priesen“, erin­nert sich Anne Höttcke. Inzwis­chen haben sich die Mat­inéen zu ein­er Ver­anstal­tung etabliert, zu der Fam­i­lien nicht nur gehen, um Musik zu hören. „Man bleibt nach dem Konz­ert noch zusam­men, um sich zu tre­f­fen“, erzählt Susanne Vedder.

Der Vor­stand der Musik­fre­unde heute (v.l.): Kor­nelia Reck­ers (Beisitzerin), Dr. Susanne Ved­der-Lau­renz (1. Vor­sitzende), Peter Pohlmann (Geschäftsführer), Anne Höttcke (1. stel­lvertre­tende Vor­sitzende), Huber­tus Stein­er (Kün­st­lerisch­er Leit­er), Dr. Heike Rüping (Beisitzerin, fehlt). Foto: Anke Schwarze

Die Atmo­sphäre ist lock­er und lässt Hemm­schwellen vor klas­sis­ch­er Musik gar nicht erst aufkom­men. Die Kinder hock­en auf Turn­mat­ten direkt vor der Bühne. Die ein­ge­lade­nen Kün­stler haben sich auf ihr kleines Pub­likum spezialisiert.

Dank ein­er Spende­nak­tion kon­nten die Musik­fre­unde vor eini­gen Jahren einen neuen Stein­way B‑Flügel anschaf­fen. Bürg­erin­nen und Bürg­er beteiligten sich am virtuellen Kauf von 88 Tas­ten. Höttcke: „Über­haupt ver­danken wir unseren Spon­soren, darunter örtliche Geschäft­sleute und Banken, sowie der Förderung durch die Stadt und den Kreis Unna sehr viel.“

Wegen der Coro­n­a­pan­demie mussten viele Konz­erte aus­fall­en; für Sep­tem­ber und Okto­ber 2020 ange­set­zte Ver­anstal­tun­gen kon­nten mit begren­zter Zuhör­erzahl stat­tfind­en. Seit Sep­tem­ber 2021 ist der Konz­ert­be­trieb wieder ange­laufen. „Für 2022 pla­nen wir eine nor­male Sai­son“, sagt Ved­der. Zunächst seien Musik­er ein­ge­laden wor­den, denen zuvor abge­sagt wer­den musste.

Jet­zt ste­ht erst ein­mal in gut zwei Wochen ein Son­derkonz­ert am 16. Jan­u­ar 2022 an. „Es spielt die Deutsche Kam­mer­phil­har­monie Bre­men mit dem Vio­lin­is­ten Daniel Sepec. Auf dem Pro­gramm ste­ht „The Pur­ple Sea­sons – Musik von Vival­di und Jimi Hendrix“.

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