Dienstag, Februar 20, 2024

Musikfreunde Werne: Seit über 50 Jahren Freude an der Musik

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Ob Werne wirklich ein „musikalisches Brachland“ war, wie es ein Zeitungsbericht zur Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde nannte, soll dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall empfanden sechs Bürgerinnen und Bürger, dass eine konzertante Bereicherung des kulturellen Lebens der Stadt gut tun würde.

In dieser Absicht trafen sie sich am 16. Februar 1970 in der Gaststätte Rohrkamp: Gisela Schröder, Dr. Theodor Hollenders, Reinhold Stockbrügger, Erna Krapp, Dr. Claus Potthoff und Jossy Steilen. Wie in einem Bericht zum zehnjährigen Jubiläum amüsant erzählt wird, trug jeder Beteiligte sein Päckchen an Bedenken mit sich herum. Doch jeder gab sich „beträchtliche Mühe, den Kulturoptimismus der anderen zu hätscheln, die eigenen Zweifel jedoch taktvoll zu verbergen“.

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Immerhin teilten 50 weitere Konzertliebhaber in Werne die Bestrebungen und erklärten, einer musikalischen Gesellschaft beitreten zu wollen. Außerdem bewilligte der Finanzausschuss für die erste Saison 1970/71 einen Zuschuss von bis zu 5.000 DM für sechs Konzerte. Auf dieser finanziellen und personellen Basis gründete sich die Gesellschaft der Musikfreunde am 21. Mai 1970 im Hotel „Centralhof“ mit 76 Mitgliedern.

Geistiger Vater der Musikfreunde war Jossy Steilen. Als Geiger des Philharmonischen Orchesters Dortmund verfügte er über notwendige Kontakte in die klassische Musikszene. „Daher lag zunächst der Schwerpunkt auf kammermusikalischer Streichmusik“, erinnert sich die stellvertretende Vorsitzende Anne Höttcke. Ohnehin verfügte Werne zu der Zeit nicht über geeignete Räume für große Orchester.

1997 wurde der langjährige künstlerische Leiter der Musikfreunde, Jossy Steilen (rechts), mit dem Kulturpreis Stadt Werne ausgezeichnet. Der damalige Bürgermeister Meinhard Wichmann nahm die Ehrung vor. Foto: Archiv der Musikfreunde

Die Stadt stellte auf Wunsch der Musikfreunde den Bürgersaal im Alten Rathaus für die Kammerkonzerte zur Verfügung. Da das historische Gebäude aber zu der Zeit umfangreich restauriert wurde, mussten die Musikfreunde zunächst auf die Aula der Städtischen Realschule ausweichen. Dort fand am 24. September 1970 das erste Konzert statt. Es spielte das Schäffer-Quartett aus Düsseldorf.

Die weiteren Konzerte der Saison bedienten sich, wenn es die Besetzung erforderte, eines geliehenen Konzertflügels. 1971 konnten die Musikfreunde mithilfe von Sponsoren einen eigenen Steinway anschaffen. „Die Konzerte entwickelten sich bald zum Selbstläufer“, erzählt die amtierende Vorsitzende Dr. Susanne Vedder. In den Gästebüchern der Musikfreunde finden sich illustre Namen wie Justus Frantz, Michael Ponti, Detlev Eisinger und Mirijam Contzen oder die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg.

„Vor der Coronapandemie gab es kein Jahr, in dem ein Konzert nicht stattfinden konnte“, berichtet Vedder. Schon während der ersten Jahre erregte die Konzertreihe überregionale Aufmerksamkeit. Der WDR nahm in der Saison 1979/1980 eine Reihe von Konzerten der Musikfreunde in Werne auf und übertrug sie – zeitversetzt – in der Sendereihe „Kammerkonzerte in NRW“.

Einträge aus den Gästebüchern der Musikfreunde. Der Pianist Malcolm Frager verewigte sich gleich zweimal, 1975 und 1987, mit seinen Noten. Foto: Archiv der Musikfreunde

Seit 1973 spielen die Musiker und Musikerinnen im Bürgersaal des Alten Rathauses. Seitdem sind die „Rathauskonzerte“ ein geflügelter Begriff in Werne. Susanne Vedder: „Die Musiker mögen die Atmosphäre, auch wenn die Akustik keinen falschen Ton verzeiht.“ Außerdem würden die Künstler schätzen, dass sie nach dem Konzert den Restabend nicht allein im Hotel verbringen müssen: „Wir gehen gemeinsam essen und reden dabei über Gott und die Welt und über Musik.“ Aus solchen Begegnungen wurden neue Konzerte geboren. So zeigte sich das Ventus-Quintett begeistert von der Idee der Familienkonzerte und versprach, selbst eines beizusteuern.

Mit den Familienkonzerten beschritten die Musikfreunde 2010 neue Wege. Klassische Musik nicht nur zu hören, sondern auch erklärt zu bekommen – darum ging es in der ersten Familien-Matinée, die die Musikfreunde Werne und die Peter-Pohlmann-Stiftung 2010 im Alten Rathaus veranstalteten. Die Musikfreunde wollen ein junges Publikum an klassische Musik heranführen und legten das Konzert mit dem Bläserensemble „Embrassy-Quintett“ auf eine familienfreundliche Zeit am Sonntagvormittag. In den ersten Jahren hatte sich der Vorstand etwas mehr Zuhörer erhofft. Hartnäckig rührten die Musikfreunde die Werbetrommel. „Wir haben beispielsweise auf dem Markt gestanden und das Familienkonzert angepriesen“, erinnert sich Anne Höttcke. Inzwischen haben sich die Matinéen zu einer Veranstaltung etabliert, zu der Familien nicht nur gehen, um Musik zu hören. „Man bleibt nach dem Konzert noch zusammen, um sich zu treffen“, erzählt Susanne Vedder.

Der Vorstand der Musikfreunde heute (v.l.): Kornelia Reckers (Beisitzerin), Dr. Susanne Vedder-Laurenz (1. Vorsitzende), Peter Pohlmann (Geschäftsführer), Anne Höttcke (1. stellvertretende Vorsitzende), Hubertus Steiner (Künstlerischer Leiter), Dr. Heike Rüping (Beisitzerin, fehlt). Foto: Anke Schwarze

Die Atmosphäre ist locker und lässt Hemmschwellen vor klassischer Musik gar nicht erst aufkommen. Die Kinder hocken auf Turnmatten direkt vor der Bühne. Die eingeladenen Künstler haben sich auf ihr kleines Publikum spezialisiert.

Dank einer Spendenaktion konnten die Musikfreunde vor einigen Jahren einen neuen Steinway B-Flügel anschaffen. Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich am virtuellen Kauf von 88 Tasten. Höttcke: „Überhaupt verdanken wir unseren Sponsoren, darunter örtliche Geschäftsleute und Banken, sowie der Förderung durch die Stadt und den Kreis Unna sehr viel.“

Wegen der Coronapandemie mussten viele Konzerte ausfallen; für September und Oktober 2020 angesetzte Veranstaltungen konnten mit begrenzter Zuhörerzahl stattfinden. Seit September 2021 ist der Konzertbetrieb wieder angelaufen. „Für 2022 planen wir eine normale Saison“, sagt Vedder. Zunächst seien Musiker eingeladen worden, denen zuvor abgesagt werden musste.

Jetzt steht erst einmal in gut zwei Wochen ein Sonderkonzert am 16. Januar 2022 an. „Es spielt die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit dem Violinisten Daniel Sepec. Auf dem Programm steht „The Purple Seasons – Musik von Vivaldi und Jimi Hendrix“.

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