Freitag, Juli 1, 2022

Weihnachten 1901 wurde es in Werne heller

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Wer­ne. Auch die Weih­nachts­zeit hat ihre his­to­ri­schen Remi­nis­zen­zen. In Wer­ne zumal, denn an einem Weih­nachts­abend des Jah­res 1901 – vor 120 Jah­ren also – flamm­te in der St.-Christophorus-Kirche zum ers­ten Mal das elek­tri­sche Licht auf und lös­te die war­me, jahr­hun­der­te­al­te Ker­zen­be­leuch­tung, und auch die nicht so alte, aber immer noch sehr stim­mungs­vol­le Petro­le­um­be­leuch­tung des Kir­chen­in­nern ab.

Doch nicht nur in der alt­ehr­wür­di­gen Pfarr­kir­che wur­de es damals hel­ler. Die Wer­ner Innen­stadt hat­te schon eini­ge Zeit vor­her die „Seg­nun­gen des tech­ni­schen Fort­schritts“ erfah­ren, denn zu Beginn des Jah­res 1901 hat­te der Inge­nieur Hein­rich Kers­t­ing vom Magis­trat der Stadt Wer­ne die Geneh­mi­gung erhal­ten, die Beleuch­tung der Stadt „mit­tels elek­tri­schen Lich­tes“ zu übernehmen.

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Aller­dings hät­te er es wohl ohne die finan­zi­el­le Hil­fe des Bau­ern Schul­ze-Wede­ling aus Rün­the (Besit­zer des sei­ner­zei­ti­gen „Fürs­ten­ho­fes“) nicht geschafft. Der gab das Geld, und eines Tages flamm­ten in der Wer­ner Innen­stadt an etli­chen Holz­pfos­ten die ers­ten elek­tri­schen Lam­pen auf. Sehr zum Erstau­nen und zur Freu­de der Bevöl­ke­rung, denn die vor­he­ri­gen Petro­le­um-Lam­pen spen­de­ten einen zwar recht war­men, aber kei­nes­wegs aus­rei­chen­den Schein.

Das ver­stan­den die elek­tri­schen Glüh­bir­nen bes­ser, denen die not­wen­di­ge Ener­gie von Wer­nes ers­tem „Elek­tri­zi­täts­werk“ an der Pen­nin­gro­de gegen­über der dama­li­gen Mol­ke­rei Heemann gelie­fert wur­de. Übri­gens war noch im August 1900 das „Amt eines städ­ti­schen Later­nen­an­zün­ders“ ver­ge­ben wor­den. Mathi­as Jasper erhielt es, der in die Wer­ner Stadt­ge­schich­te als letz­ter Later­nen­an­zün­der ein­ge­gan­gen ist.

Immer­hin war die Petro­le­um­be­leuch­tung zwar nicht so hell wie das elek­tri­sche Licht, aber zwei­fel­los bil­li­ger. Damals wenigs­tens. Denn sei­ner­zeit kos­te­te ein Liter Petro­le­um 22 Pfen­ni­ge. Wie teu­er die Stadt den ers­ten elek­tri­schen Strom zu bezah­len hat­te, war lei­der nicht zu eru­ie­ren. Der Fort­schritt hat­te Wer­ne jeden­falls auch auf dem Gebiet der Beleuch­tung erreicht. Und er ließ sich nicht mehr auf­hal­ten. Eines Tages über­nahm die Stadt die Strom­ver­sor­gung in eige­ner Regie. Das eige­ne „Elek­tri­zi­täts­werk“ am Hagen wur­de errich­tet. Spä­ter dien­te es lan­ge Jah­re der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr als zuhau­se – und ist inzwi­schen einer moder­nen Wohn­an­la­ge gewichen.

Brief­kopf des ers­ten Elek­tri­zi­täts­wer­kes in Wer­ne. Abbil­dung: Archiv Rai­ner Schulz 

Nach einer Rei­he von Betriebs­jah­ren wur­de der Strom vom Elek­tri­zi­täts­werk West­fa­len gekauft und über das eige­ne Netz gelei­tet, spä­ter — im Jah­re 1929 — über­nahm schließ­lich das den VEW ange­schlos­se­ne Gerstein­werk die Strom­ver­sor­gung Wer­nes. So blieb es im Grun­de genom­men bis heu­te, nach­dem sich ein zwi­schen­zeit­li­cher Plan, im Zuge der Zechen­ver­bund­wirt­schaft in Wer­ne ein eige­nes Kraft­werk zu bau­en, zer­schla­gen hat­te. Das war um 1948/50 herum.

Ein Kurio­sum in der Zeit der Elek­tri­fi­zie­rung Wer­nes lie­fer­te unser unver­ges­se­nes Ori­gi­nal, Cen­tral-Thea­ter-Besit­zer Carl Brauck­hoff. Sei­nem Kino ging es nicht immer glän­zend. Auch damals nicht, es war eine wirt­schaft­lich schwa­che Peri­ode, als der elek­tri­sche Strom Wer­ne erober­te. Die Licht­rech­nun­gen wur­den unse­rem Carl ein­fach zu hoch. Also wur­de er zum „Selbst­ver­sor­ger“.

Carl Brauch­hoff, hier als Schüt­zen­oberst auf dem Pferd unter­wegs, betrieb sein Kino mit einem Die­sel­ag­gre­gat. Foto: Archiv R. Schulz

Er erstand kur­zer­hand ein Die­sel­ag­gre­gat zur Strom­erzeu­gung und speis­te damit sei­ne Vor­führ­ge­rä­te und alles, was im Cen­tral-Thea­ter elek­tri­schen Strom benö­tig­te. Die Wenigs­ten wer­den sich heu­te noch an jene Wer­be­zet­tel erin­nern, mit­tels derer der pfif­fi­ge Brauck­hoff dar­auf auf­merk­sam mach­te, dass sein Film­thea­ter „mit eige­ner Licht- und Kraft­an­la­ge“ arbei­te­te. Wer erin­nert sich noch an jenes mono­to­ne „Tuckern“ des Die­sel­ag­gre­gats, das schon zur Stumm­film­zeit die Film­vor­füh­run­gen „unter­mal­te“? Vom spe­zi­el­len „Duft“ in der Umge­bung des Kinos gar nicht zu reden …!

Ja, es war nicht immer in Wer­ne so strah­lend hell wie jetzt in der Vor­weih­nachts­zeit. Den­noch steht es fest, dass sich unser Städt­chen dem Fort­schritt am Ende nie ver­schlos­sen hat, wenn er an Wer­nes Tor klopf­te. Und das soll­te uns eigent­lich die Hoff­nung geben, dass uns die­ser unter­neh­men­de Geist auch wei­ter­hin beflü­gelt. - sjv -  

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