Anne-Sophie Hinnüber-Eysing (links) und Patricia Schering restaurierten die Pieta aus Werne. Foto: Dr. Anke Schwarze
Anne-Sophie Hinnüber-Eysing (links) und Patricia Schering restaurieren die Pietà aus Werne. Foto: Dr. Anke Schwarze
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Werne. Wie sich eine spätgotische Pietà in die aus den 1950er-Jahren stammende Kirche St. Konrad verirrt hat, kann Pfarrdechant Jürgen Schäfer nicht mehr rekonstruieren. Tatsache ist, dass ihm die Skulptur vor dem Abriss des Kirchenschiffs auf dem Köttersberg in einem Seitenschiff auffiel. „Sie stand hinten in der Ecke, man konnte Kerzen vor ihr anzünden“, erinnert er sich. Die Figur sprach ihn an und er beschloss, sie restaurieren zu lassen. Im November soll sie wieder zurückkehren – als Ausstattung der Kapelle, die im Turm der ehemaligen Kirche St. Konrad eingerichtet wird. Bis dahin steht die Figur gut geschützt in der Werkstatt der Restauratorinnen Anne-Sophie Hinnüber-Eysing und Patricia Schering.

Schäfer hatte die Pietà – eine Darstellung der trauernden Maria mit dem Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß – für eine frühbarocke Darstellung gehalten. Während der Restaurierung stellte sich heraus, dass die Skulptur aus Eichenholz vor 1500 entstanden ist. So lautet die Datierung von Dr. Reinhard Karrenbrock, Wissenschaftlicher Referent in der Kunstpflege im Bistum Münster. Dafür sprach sich auch die Münsteraner Restauratorin Elke Meffert-Sigrist aus. Sie kooperierte mit Hinnüber-Eysing und Schering bei den Arbeiten an der Pietà.

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Die Figur war nicht beschädigt, aber stark verrußt – das Schicksal von Objekten, die täglich im Dunstkreis brennender Kerzen stehen. „Zunächst mussten wir den lose aufliegenden Schmutz  abnehmen“, erklärt Patricia Schering und hält ein Schwämmchen aus Naturkautschuk hoch. Es hat etwa die Größe eines Kartenspiels und nimmt Schmutzpartikel schonend auf. Das heißt bei Holzobjekten: ohne Wasser. „Feuchtigkeit schädigt stärker als man denkt, daher versuchen wir, soviel wie möglich trocken aufzunehmen.“ Verunreinigungen, die fest auf dem Holz hafteten, nahmen die Restauratorinnen mit speziellen Tensiden ab. Hier kamen Wattedreher – eine Art selbstgedrehter Wattestäbchen – zum Einsatz. Damit konnten die Expertinnen in die kleinsten Ritzen von Falten oder Locken gelangen.

Detailaufnahme der Pieta. Foto: Dr. Anke Schwarze
Detailaufnahme der Pietà. Foto: Dr. Anke Schwarze

„Außerdem testen wir jedes Mittel an verdeckten Stellen, um sicherzugehen, dass es den Kunstwerken nicht schadet“, sagt Hinnüber-Eysing. Sie und ihre Geschäftspartnerin sind akademisch ausgebildete Restauratorinnen. Die Werkstatt in Coesfeld führen sie seit 2019 gemeinsam. Spezialisiert haben sie sich auf die Restaurierung von Gemälden und Holzskulpturen. „Also im Grund alles, was gefasst, gerahmt und nicht aus Stein gefertigt ist“, sagt Schering. „Gefasst“ bedeutet in der Fachsprache „mit einer Bemalung versehen“. So wie die Pietà aus St. Konrad. Die Fassung, die nach der Restaurierung wieder in voller Pracht zu sehen ist, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Die ursprüngliche mittelalterliche Bemalung ist unter späteren Farbschichten verschwunden.

Nur an wenigen Stellen haben Hinnüber-Eysing und Schering in die historische Bemalung eingegriffen. „Und zwar nur dort, wo später retuschiert worden ist“, betont Schering. Diese unsachgemäß aufgetragenen Nachbesserungen störten das Gesamtbild, da sie im Farbton dunkler waren. Vorsichtig haben die Restauratoren die retuschierten Partien angeglichen. Die Unterschiede sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Erst, als Hinnüber-Eysing eine UV-Lampe auf punktuelle Stellen richtet, heben sich die älteren Farbschichten hell von den Verbesserungen ab.

UV-Licht macht alte Bemalung aus 19. Jh sichtbar. Foto: Dr. Anke Schwarze
UV-Licht macht alte Bemalung aus 19. Jh sichtbar. Foto: Dr. Anke Schwarze

Die Rückseite der Pietà lässt erkennen, dass sie im Mittelalter vor einer Wand oder in einer Nische gestanden haben muss. Denn diese Seite wurde nicht vollendet. Stattdessen blickt man in einen ausgehöhlten Holzblock, dessen Maserung eine Eiche erahnen lässt. „Schnitzfiguren wie diese wurden oft ausgehöhlt, damit das Holz nicht reißt“, erklärt Hinnüber-Eysing. Dass die Pietà nicht vollplastisch ausgearbeitet wurde, erklärt sich aus ihrer Funktion als Andachtsbild: Darunter verstehen Kunsthistoriker Einzelfiguren oder kleine Figurengruppen, die Gläubige zur frommen Meditation anregen sollten. Diese Motive sollten nicht als Kunstwerk von jeder Seite betrachtet werden; sie sollten von vorn geschaut werden, um sich in ihre Stimmung zu versenken.

Die Pietà wird in der Kapelle zusammen mit einer modernen, kunsthandwerklichen Holzfigur des heiligen Konrad von Parzham stehen. Auch er wird derzeit im Restaurierungsatelier „Eysing & Schering“ überarbeitet. Da die holzsichtige Skulptur in ihrer honiggelben Lasur nicht optimal ins grau-weiße Farbkonzept der Kapelle passt, werden Anne-Sophie Hinnüber-Eysing und Patricia Schering sie mit einem transparenten Überzug vorsichtig abtönten. „Diese Lasur ist aber reversibel“, stellt Schering klar, „dass heißt sie kann jederzeit rückgängig gemacht werden.“

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