Werne. Sonja Kowollik plaudert über das Programm. Erzählt von Strawinskys Feuervogel. „Eigentlich passt das Stück nicht aufs Klavier.“ Sie grinst ins Publikum. „Die Tasten würden nicht reichen.“ Dann spielt sie eine Fassung für Klavier des italienischen Pianisten Guido Agosti – und erzählt dabei mit Musik ebenso ungezwungen wie mit Worten.
Für ihr Konzert in der Reihe der Musikfreunde Werne legte die junge Musikerin den Schwerpunkt auf russische Ballettmusik. Zuvor begeisterte sie ihr Publikum im ausverkauften Foyer der Marga-Spiegel-Sekundarschule mit zwei Stücken von Franz Schubert: „Du bist die Ruh“ (arrangiert von Franz Liszt) und „Drei Klavierstücke D. 946“. Sie schmiegte sich in die lyrischen Passagen, ließ Emotionen aufwallen. Satte Fülle im Forte kontrastierte mit schlichter Eleganz in ruhigen Partien, virtuose Fingerfertigkeit mit weicher Modulation.
Seine „Drei Klavierstücke“ vollendete Schubert, „von Syphilis gezeichnet und materiell in Not, sechs Monate vor seinem Tod“, erläuterte Hubertus Steiner, künstlerischer Leiter der Musikfreunde, im Programmheft. Da passte es, dass Kowollik ihrem Tempo einen sprechenden Duktus verlieh: erregt, nervös, nachdenklich werdend, dann wieder lebhafter. Eine Gesprächspartnerin, der man aufmerksam zuhören konnte.

Bei der Ballettmusik kam ihr erzählerisches Talent vollends zum Tragen. Seine farbenreich orchestrierte Ballettmusik „Romeo und Julia“ hatte Sergei Prokofjew in eine Serie aus zehn Stücken für Soloklavier gefasst. Kowollik kristallisierte Dialogstrukturen prägnant heraus, warf humorvolle Töne mit frischer Leichtigkeit ein, betonte ernste Momente gewichtig, aber nie theatralisch. Die junge Julia sahen die Zuhörenden förmlich durch den Raum wirbeln, übermütig und unbeschwert zunächst. Die poetischeren Momente formulierte die Pianistin mit reinen, unschuldigen Tönen. Mercutio dagegen ließ sie ungestüm und lautstark auftreten. In der Szene „Masken“ erweckte Kowolliks Musik mit stählernem Staccato groteske Gestalten zum Leben; sie wankten und stapften in dumpfen Akkorden.
Für den martialischen Tanz der verfeindeten „Montagues and Capulets“ baute die Pianistin Zug um Zug ein kraftvolles Forte auf. Reibungslos gelang der Wechsel zum liedhaften Mittelstück sowie zum erneut herausfordernd klingenden Finale. Dem bittersüßen Schmerz in der Abschiedsszene spürte Kowollik mit behutsamen Anschlägen und verschatteten Klangfarben nach. Auch die tänzerische Anmutung zeichnete sie strukturiert, mit Melodielinien, die sich einander zuwandten, verharrten, wieder entfernten. Und dann versprühte „Der Feuervogel“ von Igor Strawinsky Funken. Agostis Arrangement bewahrte den lautmalenden Charakter des Originals. Kowollik vermittelte die orchestrale Fülle in breit gefächerten Klangmassen zwischen klirrenden Spitztönen und dumpfen Bassläufen. Und dann schälte sich wunderbar langsam das Motiv des befreienden Finales heraus – mit einem Crescendo, das sich allmählich zum symphonischen Feuerwerk steigerte.

Das nächste Konzert der Musikfreunde Werne findet am 21. November 2024 statt. Das Osimun-Saxophonquartett spielt „Klassische Musik in neuer Farbe“, ab 20 Uhr im Foyer der Marga-Spiegel-Sekundarschule.