Ehepartner und Kollegen: Hans-Joachim Wensing und seine Frau Dagmar Borowski-Wensing gestalten die Kirchenmusik in Werne seit 25 Jahren gemeinsam. - Foto: Schwarze
Ehepartner und Kollegen: Hans-Joachim Wensing und seine Frau Dagmar Borowski-Wensing gestalten die Kirchenmusik in Werne seit 25 Jahren gemeinsam. - Foto: Schwarze
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Werne. Seit 25 Jahren liegt die Kirchenmusik in der Christophorusgemeinde in den Händen von Kantor Dr. Hans-Joachim Wensing. WERNEplus-Mitarbeiterin Anke Schwarze sprach mit ihm über Höhepunkte seines Wirkens, über Chorgesang und musikalische Vorlieben.

Worauf blickst du gern zurück, wenn du an das vergangene Vierteljahrhundert denkst?

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Ich habe als erster hauptamtlicher Kirchenmusiker der Gemeinde angefangen und hatte viel Gestaltungsspielraum. Damals war gerade die Christophoruskirche renoviert worden und ich konnte mit einer runderneuerten Orgel starten. Von Anfang an dabei war meine Frau Dagmar. Gemeinsam haben wir verschiedene Chöre aufgebaut: Vocapella, das Verina-Ensemble, die Singing Ladies, die Schola. Dagmar packt ehrenamtlich richtig mit an: Chorleitung, Sologesang, Probenarbeit – sie ist mein Joker für alles. Gerne erinnere ich mich an die Gründung der Stiftung „Musica Sacra Westfalica“. Sie ermöglicht, dass wir hochkarätige Konzerte anbieten können.

Noch heute bin ich Norbert Wenner, dem langjährigen Vorsitzenden, dankbar, dass er diese Stiftung 2007 entscheidend mit auf den Weg gebracht hat. Und wir hatten tolle Gäste in Werne. Mit dem Thomanerchor aus Leipzig und dem Dresdner Kreuzchor musizieren zu dürfen – ich habe in den Konzerten Orgelparts übernommen –, darüber freut man sich sehr. Unter meiner Leitung konnten wir Oratorien aufführen wie die h-moll-Messe von Bach und Händels Messias. Mit der Christophorus-Messe und dem Christophorus-Musical haben wir zwei Werke inszeniert, die von mir waren. Dank der Stiftung und der Unterstützung durch Pfarrdechant Jürgen Schäfer können wir an kirchlichen Hochfesten zudem Kirchenmusik mit Solisten, Chor und Orchester präsentieren. Bei so einem Hochamt geht einem das Herz auf. Eine Sache möchte ich erwähnen, weil sie außergewöhnlich war: Als das Ruhrgebiet 2010 Kulturhauptstadt Europas war, sind wir mit 500 Sängerinnen und Sängern zum Day of Song nach Schalke gefahren.

Wolltest du immer schon Kirchenmusiker werden?

Nein, obwohl ich erblich vorbelastet bin: Mein Großvater war Lehrer bei uns in Rhade, einem Dorf bei Dorsten. Zu seiner Zeit war es, wie man es noch von Wilhelm Busch her kennt: Der Lehrer war gleichzeitig der Kirchenmusiker. Bei uns im Haus gab es ein Klavier und ein Foto von Opa an der Orgel. Ich habe dann seine Pantoffeln angezogen, obwohl sie mir manchmal zu groß waren und er gestorben ist, als ich vier war. Mit sieben oder acht habe ich mit dem Klavierspielen angefangen. Einige Jahre danach habe ich mir mit dem Orgelspiel in meiner Heimatgemeinde etwas Taschengeld und später ein bisschen zum Studium verdient. Zwischendurch gab es schon Zeiten, in denen ich hinschmeißen wollte. Zumal ich als Jugendlicher damit geliebäugelt habe, Förster zu werden. Wie das ist, wenn man auf dem Land groß wird.

Aber die Musik hat die Überhand gewonnen. Zunächst sah ich meine berufliche Perspektive als Lehrer, nicht als Kirchenmusiker. Erst im Studium habe ich gemerkt, dass mir Musik machen viel mehr bedeutet als Musik lehren. Trotzdem habe ich das Erste Staatsexamen zu Ende gebracht, bevor ich Kirchenmusik und ein Orgelstudium drangehängt habe.

Die Orgel wird Königin der Instrumente genannt: Was reizt dich an ihr?

Die Vielfalt der Klangmöglichkeiten ist berauschend, von zart bis wegblasen, speziell auf der Seifert-Orgel in St. Christophorus. Daran musste ich mich erst gewöhnen: an die Power und an die Zärtlichkeit, die in dieser Orgel steckt. Sie ist auch ein toller Anreiz zum Improvisieren. Das mache ich sehr gern: eigene Musik aus dem Stegreif entwickeln. Ich finde, Orgelmusik und Jazz sind heute die letzten Bastionen der Improvisation.

Welche Bedeutung hat Chorgesang in der Gemeindearbeit für dich? Und wie sieht es mit Nachwuchs aus?

Fangen wir mit der Bedeutung des Singens an: Singen macht Spaß, ist gesund, hält jung, schafft Sozialkontakte. Das fällt in Coronazeiten alles weg, auch das Singen im Gottesdienst. Aber vielleicht ist die Tatsache, dass etwas fehlt, eine gute Gelegenheit, es wieder zu schätzen. Denn was machen wir in Gottesdiensten: Wir feiern. Und eine Feier ohne Musik ist wie Fußball ohne Ball. Wobei der Chorgesang im Gottesdienst eine gute Ergänzung zum Gemeindegesang ist, wie ein Sahnetüpfelchen auf einem tollen Kuchen. Nur mit dem Nachwuchs ist es schwierig. Die Leute sind nicht desinteressiert an Musik. Aber Chorproben finden in der Regel abends statt, Aufführungen an Wochenenden. Dass heißt, wer sich für Chorgesang entscheidet, entscheidet sich dafür, eine Menge Freizeit regelmäßig zur Verfügung zu stellen. Das fällt vielen angesichts heutiger Verpflichtungen und Angebote schwer.

Zur Feier der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 in Werne komponierte Hans-Joachim Wensing ein Christophorus-Musical, das im Kolpinhaus aufgeführt wurde. Foto: Schwarze
Zur Feier der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 in Werne komponierte Hans-Joachim Wensing ein Christophorus-Musical, das im Kolpinhaus aufgeführt wurde. Foto: Schwarze

Du komponierst und arrangierst auch selbst. Worauf kommt es dir dabei an?

Ich bin kein Komponist im Studierstübchen; meine Motivation richtet sich nach praktischer Verwendung oder Defiziten. Nach alter Kantorenpraxis: Die Musik, die man gern hätte und die es nicht gibt, schreibt man sich eben. Das ist im besten Sinne Gebrauchsmusik. Einmal habe ich damit erfolgreich an einem Wettbewerb teilgenommen, zu dem eine Gottesdienststiftung der evangelischen Kirche aufgerufen hatte. Und bekam den dritten Preis für ein modernes Passionslied, „Manches Holz“. Dieser Text hat mich von seiner Rhythmik her sofort angesprochen.

Hast du einen Lieblingskomponisten oder eine Lieblingsepoche?

Nein, so etwas wie einen einsamen Lieblingskomponisten gibt es nicht bei mir. Natürlich gibt es da die über alle erhabenen Komponisten, die immer klasse sind: Bach, Beethoven, Mozart oder Brahms. Insgesamt finde ich gute Musik aus jeder Epoche faszinierend. Man sollte einfach neugierig bleiben auf Neues oder Altes, das man noch nicht kennt.

Für den Fall, dass du mal keine Lust auf Musik hast: Welche Hobbys pflegst du?

Ich bin gern in der Natur zum Wandern; seit ich in Werne bin, habe ich wieder engeren Kontakt zu Jägern und Förstern geknüpft. Das hat dazu geführt, dass ich meinen gesamten Fleischkonsum umgestellt habe: weniger und wenn, dann Wild. Das ist nachhaltig, CO2-neutral und gesund und hat nicht die negativen Aspekte, die mit Massentierhaltung verbunden sind. Und lecker ist es auch.

ZUR PERSON

Hans-Joachim Wensing wurde am 23. Dezember 1960 in Dorsten geboren. Nach dem Abitur leistete er seinen Wehrdienst und begann anschließend ein Studium der Schulmusik und Germanistik in Düsseldorf. 1986 legte er sein 1. Staatsexamen ab. Er schloss ein Studium der Kirchenmusik an (A-Examen) und promovierte 1996 in Musikwissenschaften über „Die ökumenische Bedeutung des gregorianischen Singens“. Nach einem Orgelstudium in den Niederlanden arbeitete er viereinhalb Jahre in Duisburg, bevor er 1996 als Kantor der St. Christophorus-Gemeinde nach Werne kam.

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