Donnerstag, August 11, 2022

Vom „schwarzen Magistrat“ und treulosen Schwan

Anzeige

Nach­dem Anfang des Som­mers 1931 der Stadt­see, damals noch „Teich im Hagen“ genannt, zum ers­ten Mal voll­ge­lau­fen war und die sich zahl­reich ange­sam­mel­ten Pad­del­boo­te wegen der Ufer­be­schä­di­gun­gen durch Poli­zei­ver­fü­gung ent­fernt wor­den waren, begab sich eine Geschich­te, die in Wer­ne schnell die Run­de machen sollte.

Ein Mit­glied des „schwar­zen Magis­trats“ hat­te sie, nach­dem eini­ge Zeit ver­gan­gen war, in der „Wer­ner Zei­tung“ ver­öf­fent­licht. Damals tag­te die­se „gesetz­wid­ri­ge Kör­per­schaft“ noch im Hagen. Inzwi­schen hat­te sie aber ihr Domi­zil gewech­selt und hielt an lan­gen Aben­den ihre Tref­fen irgend­wo im ver­steck­ten Win­kel einer Knei­pe ab, wo all die im Som­mer erleb­ten und gehör­ten Geschich­ten ihre Auf­er­ste­hung fei­er­ten und wo sie bei jeder Nach­er­zäh­lung eine ande­re Fär­bung und viel­fach auch eini­ge eigen­mäch­ti­ge Zusät­ze erhielten.

- Advertisement -

Die Geschich­te mit dem Schwan aber, die wirk­lich ver­dient, in den gebun­de­nen Jahr­gän­gen der „Wäen­schen Tie­dung“ (Wer­ner Zei­tung) fest­ge­hal­ten zu wer­den, geben wir heu­te in der ver­bürg­ten Ori­gi­nal­fas­sung wieder:

Im Früh­ling 1931 sie­del­te die Stadt­ver­wal­tung auf der Teich­in­sel ein Schwa­nen­paar an. Es soll­te das Aus­stel­lungs- und Para­de­stück unse­rer Stadt wer­den. Ihm galt denn auch die Bewun­de­rung der Frem­den und das ste­te Inter­es­se von Groß und Klein in Wer­ne. Stolz und majes­tä­tisch zogen die Schwä­ne laut­los ihre Bahn und die edlen For­men ihrer Kör­per, die klas­si­sche Hal­tung und das Schnee­weiß berausch­ten jeden Freund wah­rer Schönheit.

Das Fami­li­en­le­ben des Paa­res schien gera­de­zu vor­bild­lich und da Bennetz’ken die edlen Tie­re Tag für Tag pünkt­lich mit gro­ßen Stü­cken wei­ßen Stu­tens ver­sorg­te, dach­te jeder­mann, dass die­ses Fami­li­en­glück voll­kom­men sei. Eines Tages aber trat eine Kata­stro­phe ein: Der stol­ze Schwan mach­te sich davon und flog mit rie­si­gen Flü­gel­schlä­gen süd­wärts zur Lip­pe und den Fluss auf­wärts. Wie man eini­ge Tage spä­ter fest­stell­te, hat­te er sein Domi­zil auf dem Rad­bo­der See in Bockum-Hövel aufgeschlagen.

In Wer­ne war die Bestür­zung groß – nament­lich im schwar­zen und im ordent­li­chen Magis­trat. Bei der Schwä­nin tra­ten indes erheb­li­che Depres­sio­nen ein und sie nahm tage­lang kei­nen Stu­ten mehr von Bennetz’ken an. Auf der Fut­ter­ram­pe wur­de eiligst ein Kol­le­gi­um gebil­det, das die Ursa­chen erör­tern und Maß­nah­men ergrei­fen soll­te, um den ehe­li­chen Frie­den wie­der her­zu­stel­len. Man einig­te sich dahin, dass eine fei­er­li­che Abord­nung den Schwan auf dem Rad­bo­der Zechen­teich auf­su­chen und ihn zur Rück­kehr bewe­gen soll­te. Das wur­de denn auch wie bespro­chen angegangen.

Als sich unse­re Ver­tre­ter dem Aus­rei­ßer näher­ten, ergriff er jedoch die Flucht. Er erhob sich in die Lüf­te und kreis­te in küh­nem Bogen über Hamm. Bestürzt und nie­der­ge­schla­gen kehr­te unse­re Abord­nung nach Wer­ne zurück. Meh­re­re Wochen, die mit aus­gie­bi­gen Bera­tun­gen aus­ge­füllt sein soll­ten, ver­stri­chen. Schließ­lich fand einer den ret­ten­den Aus­weg. Nun zogen sie mit dem Feu­er­wehr­au­to aber­mals los. Ein gro­ßer Draht­git­ter­kas­ten, in dem die Schwä­nin in ban­ger Erwar­tung saß, wur­de auf den Rad­bod-See hin­aus­ge­ru­dert. Als ihr Gat­te die arme Ver­las­se­ne erblick­te, schoss er wie ein Pfeil in den Käfig. Wäh­rend der rüh­ren­den Aus­söh­nung aber zogen unse­re wacke­ren Schwa­nen­fän­ger, die hin­ter dem Gebüsch am Ufer saßen, mit einer lan­gen Lei­ne die Käfig­tür zu. Es war vollbracht.

Weni­ge Stun­den spä­ter schwamm er wie­der majes­tä­tisch auf unse­rem Hagen­teich, zwar mit fest­ge­klemm­ten Flü­geln (Anm. d. Red. Stut­zung der Schwung­fe­dern), aber den­noch erho­be­nen Haup­tes und stolz geschwun­ge­nen Hal­ses. Wie ein Admi­rals­schiff in der Flot­til­le aus zahl­rei­chen Enten und See­hühn­chen sah er aus. Und im Kiel­was­ser glitt sei­ne Gat­tin dahin, aus­ge­söhnt und zärt­lich wie nie zuvor.

Nach einer wah­ren Geschich­te, bear­bei­tet von Rai­ner Schulz.

Anzeige

Weitere Artikel von Werne Plus

Flohmarkt kehrt 2022 zurück – aber mit einigen Änderungen

Werne. Der Flohmarkt kehrt nach zwei Jahren Corona-Zwangspause am Samstag, 3. September, in die Werner Innenstadt zurück. Um den Auf- und Abbau sowie die...

Kleidung und Spielzeug für Kinder: Großer Basar in Horst

Horst. Nach über zwei Jahren pandemiebedingter Pause kann der Basar in Horst wieder stattfinden - und zwar am Sonntag, 18. September 2022. In der Zeit von...

Solidarische Landwirtschaft Werne: Ernte trifft Gemeinschaft

Stockum. Seit 70 Jahren wurden die Ackerflächen der Firma Grunewald in Werne-Stockum als Baumschule genutzt. Nun wurden die Grünflächen dem studierten Ökolandwirt und Gemüsegärtner...

Spende verhilft dem JuWeL zu einem eigenen Fuhrpark

Werne. Die langen, erlebnisreichen Sommerferien sind auch im JuWeL beendet. Dafür, dass der Spaßfaktor für die Besucher des Treffpunkts für Kinder und Jugendliche auch...