Donnerstag, Dezember 8, 2022

„Quo vadis Afghanistan?“ – Vortrag beim Inner Wheel Club

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Wer­ne. „Wohin gehst du, Afgha­ni­stan?“ Um es vor­weg­zu­neh­men: Die­se Fra­ge kann auch ein pro­fun­der Afgha­ni­stan-Exper­te wie Dr. Erös nicht beant­wor­ten – die poli­ti­sche Lage ist der­zeit zu unüber­sicht­lich. Auf Ein­la­dung des Inner Wheel Clubs Lünen-Wer­ne hielt der Medi­zi­ner einen kennt­nis­rei­chen und enga­gier­ten Vortrag.

Fest steht, dass sich der viel­fach geehr­te 74-jäh­ri­ge Medi­zi­ner, Huma­nist und Buch­au­tor auch zukünf­tig für die Ver­bes­se­rung der Lebens­si­tua­ti­on von Kin­dern und Frau­en in drei Ost­pro­vin­zen Afgha­ni­stans ein­set­zen wird. Über sein Lebens­werk und die aktu­el­le Situa­ti­on im Land refe­rier­te er mit viel Herzblut.

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Das Ehe­paar Erös grün­de­te 1998 die Kin­der­hil­fe Afgha­ni­stan, mitt­ler­wei­le die größ­te pri­va­te Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on am Hin­du­kusch. Es wur­den u.a. ein Kran­ken­haus, eine Uni­ver­si­tät, Wai­sen­häu­ser und 30 Haupt‑, Berufs- und Ober­schu­len für 60 000 Schü­le­rIn­nen gebaut. Über 2000 ein­hei­mi­sche Ange­stell­te fin­den dort ent­lohn­te Arbeit.

Aus­schließ­lich durch Pri­vat­spen­den wird die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on finan­ziert. Auch nach der Macht­über­nah­me durch die Tali­ban lau­fen sämt­li­che Pro­jek­te wei­ter. „Anders als in den übri­gen Pro­vin­zen dür­fen ‚unse­re‘ Mäd­chen wei­ter­hin zur Schu­le gehen, auch in die Ober­stu­fe.“ Erös reist regel­mä­ßig nach Afgha­ni­stan, um sei­ne Pro­jek­te zu unter­stüt­zen, zuletzt nach dem Erd­be­ben im Juni 2022.

Dr. Erös genießt seit den 1980er Jah­ren gro­ßes Anse­hen bei den Afgha­nen, weil er als ein­zi­ger west­li­cher Arzt wäh­rend der sowje­ti­schen Besat­zung unter gefähr­li­chen Kriegs­be­din­gun­gen ein medi­zi­ni­sches Netz­werk auf­bau­te. Unter sei­ner Ver­ant­wor­tung wur­den in Höh­len­kli­ni­ken jähr­lich 100.000 Kriegs­op­fer behan­delt, heißt es.

Das erwor­be­ne Ver­trau­en und die Kennt­nis der Spra­che der Pasch­tu­nen, der größ­ten Volks­grup­pe, hal­fen Erös beim Auf­bau sei­ner Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on. Das Wis­sen um Tra­di­tio­nen, Lan­des­kun­de und Geschich­te sind in einem Viel­völ­ker­staat wie Afgha­ni­stan (>30 Eth­ni­en, >40 Spra­chen) zur Errei­chung von Zie­len unent­behr­lich. Die­se „inter­kul­tu­rel­le Kom­pe­tenz“ ver­misst Erös bei vie­len poli­ti­schen Entscheidungsträgern.

Dr. Rein­hard Erös und eine Schul­spre­che­rin in einer sei­ner Schu­len in Ost-Afgha­ni­stan. Foto: NWZoneline

Der Refe­rent, ein Mann kla­rer Wor­te, gerät gera­de­zu in Rage, wenn er an Fehl­ein­schät­zun­gen der Poli­tik denkt. Hef­tig kri­ti­sier­te er US-Prä­si­dent Bushs Ankün­di­gung eines „Kreuz­zugs gegen den Ter­ro­ris­mus“ nach 9/11, eben­so Bun­des­kanz­ler Schrö­ders „bedin­gungs­lo­se Soli­da­ri­tät“. Bekann­te Fol­gen: Ein 20-jäh­ri­ger NATO-Ein­satz mit vie­len Toten und Ver­letz­ten, der nach Erös‘ Ansicht von Beginn an zum Schei­tern ver­ur­teilt war. Die Afgha­nen sei­en ein Volk, das nie­mals auf­ge­be. In die­sem Wis­sen hat­te Erös, zum Zeit­punkt des Ter­ror­an­schlags in New York noch Bun­des­wehr­arzt, um sei­ne vor­zei­ti­ge Pen­sio­nie­rung gebe­ten. Er kri­ti­sier­te laut­stark die unvor­stell­bar hohen Kos­ten von 1.300 Mil­li­ar­den US Dol­lar, die der teu­ers­te Krieg der Mensch­heits­ge­schich­te im mili­tä­ri­schen Bereich ver­schlun­gen hat. Für den zivi­len Auf­bau wur­den ledig­lich 90 Mil­li­ar­den ein­ge­setzt, berich­te­te er.

Erös beschreibt die aktu­el­le Lage so: Die Men­schen auf dem Lan­de sei­en froh über den Abzug der west­li­chen Trup­pen. Sie kön­nen wie­der ohne Angst vor Droh­nen­an­grif­fen zur Arbeit oder zur Schu­le gehen. Im Ver­lauf der Kriegs­hand­lun­gen sei­en 40 „sei­ner“ Kin­der getö­tet wor­den. Vom Groß­teil der Bevöl­ke­rung wer­de begrüßt, dass die Tali­ban wie­der an der Macht sind, weil sich seit­dem Kor­rup­ti­on und Kri­mi­na­li­tät mini­miert hät­ten. Unter den Tali­ban befän­den sich „ein Drit­tel Ver­bre­cher, die sind irre; ein Drit­tel Unent­schie­de­ne und ein Drit­tel ver­nünf­ti­ge Poli­ti­ker“. Mit die­sem Drit­tel ver­han­delt Erös und trinkt „Tee mit dem Teu­fel“ (sein Buch­ti­tel), um Zie­le zu errei­chen, z.B. eine neue Schu­le zu bauen.

Vie­le ande­re Aspek­te griff Erös in dem 2,5stündigen hoch­in­ter­es­san­ten Vor­trag kri­tisch auf: Die kata­stro­pha­le wirt­schaft­li­che Situa­ti­on, der Hun­ger, feh­len­de medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung. Das unwirk­sa­me Sys­tem der Ent­wick­lungs­hil­fe in kor­rup­ten Staa­ten wie Afgha­ni­stan. Der Anbau von Schlaf­mohn, der sich in den letz­ten 20 Jah­ren ver­viel­facht habe. Die Situa­ti­on moder­ner afgha­ni­scher Frau­en. Der Umgang mit Orts­kräf­ten. Die teil­wei­se lücken­haf­te Bericht­erstat­tung der Medien. 

Mit kräf­ti­gem Applaus zoll­ten die Zuhörer/innen dem Refe­ren­ten ihren Dank für einen kennt­nis­rei­chen, dis­kus­si­ons­wür­di­gen Vor­trag und dem Ehe­paar Erös ihre Hoch­ach­tung für ihren uner­müd­li­chen Einsatz.

Afgha­ni­stan, die­ses geschun­de­ne und von Erös so gelieb­te Land, quo vadis? An ande­rer Stel­le ant­wor­te­te der Ur-Bay­er und Wel­ten­bür­ger mit einem Kalau­er von Karl Valen­tin: „Pro­gno­sen sind schwie­rig, beson­ders wenn sie die Zukunft betreffen.“

www.//kinderhilfe-afghanistan.de

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