Dienstag, November 29, 2022

Missbrauchs-Studie beschuldigt auch die Vertuscher

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Wer­ne. „Das ist ja wie ein Sumpf, den man nicht tro­cken legen kann“, stell­te eine Zuhö­re­rin im Vor­trags­raum des St. Chris­to­pho­rus-Gym­na­si­ums kopf­schüt­telnd fest. Anhand von Sta­tis­ti­ken und Fall­bei­spie­len leg­te Dr. David Rüschen­schmidt am Mitt­woch­abend (19. Okto­ber) das Aus­maß von sexu­el­lem Miss­brauch durch Kle­ri­ker im Bis­tum Müns­ter dar. 

Kei­ne 20 Frau­en und Män­ner waren der Ein­la­dung des kirch­li­chen Gym­na­si­ums und der katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de St. Chris­to­pho­rus gefolgt. Den Refe­ren­ten, Co-Autor der Stu­die, über­rasch­te das nicht: „Wir wer­den gar nicht so oft von Gemein­den ange­fragt, wie man viel­leicht denkt.“

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Den Wunsch, die Stu­die unmit­tel­bar vor­ge­stellt zu bekom­men, hat­ten Eltern an den Reli­gi­ons­leh­rer Dr. Chris­ti­an Schmidt­mann her­an­ge­tra­gen. Und bei den Anwe­sen­den war das Inter­es­se groß. Das bewies die offe­ne und leb­haf­te Dis­kus­si­on nach dem Vortrag.

Die Zusam­men­fas­sung der fast 600 Sei­ten umfas­sen­den Stu­die „Macht und sexu­el­ler Miss­brauch in der katho­li­schen Kir­che. Betrof­fe­ne, Beschul­dig­te und Ver­tu­scher im Bis­tum Müns­ter seit 1945“ über­schrieb Rüschen­schmidt mit der Fra­ge „Per­sön­li­che Schuld oder struk­tu­rel­les Versagen“.

Mit der von Bischof Felix Genn vor zwei Jah­ren in Auf­trag gege­be­nen Stu­die leg­te die fünf­köp­fi­ge Kom­mis­si­on der Uni­ver­si­tät Müns­ter, bestehend aus vier His­to­ri­kern und einer Sozi­al­an­thro­po­lo­gin, erst­mals eine umfas­sen­de sozi­al­ge­schicht­li­che Unter­su­chung zum The­ma vor. Dabei ermit­tel­te sie 196 Kle­ri­ker als Beschul­dig­te und 610 Betrof­fe­ne. „Die Dun­kel­zif­fer der Opfer ist jedoch wahr­schein­lich zehn­mal grö­ßer“, beton­te Rüschen­schmidt. Wäh­ren die Betrof­fe­nen gesamt­ge­sell­schaft­lich betrach­tet zu zwei Drit­teln weib­lich sind, ver­hält es sich im katho­li­schen Kon­text umge­kehrt: Drei Vier­tel waren männ­lich. „Der Miss­brauch erfolgt in der Regel zum ers­ten Mal, wenn die Jun­gen zwi­schen zehn und 14 Jah­ren alt sind, also im Mess­die­ne­ral­ter“, sag­te Rüschenschmidt.

Auch wenn Stüh­le im Zuschau­er­raum leer blie­ben, war das Inter­es­se unter den Anwe­sen­den groß. Foto: Schwarze

Im Unter­schied zu juris­ti­schen Auf­ar­bei­tungs­ver­fah­ren nahm die Müns­te­ra­ner Stu­die nicht nur Täter und Opfer in den Blick, son­dern auch jene, die Kin­dern gegen­über eine sozia­le Ver­ant­wor­tung als „Wäch­ter“ haben: Eltern, Ver­wand­te, Leh­rer, ande­re Pries­ter, Gemein­de­mit­glie­der, Per­so­nal­ver­ant­wort­li­che. Und hier kommt die Kom­mis­si­on unmiss­ver­ständ­lich zu fol­gen­dem Ergeb­nis: In ihrer Wäch­ter­funk­ti­on haben die­se Per­so­nen­grup­pen ekla­tant versagt. 

Das spielt eine umso grö­ße­re Rol­le, als vie­le Taten im Kon­text kirch­li­cher Schu­len, Inter­na­te und Hei­me eben­so wie im fami­liä­ren oder nach­bar­schaft­li­chen Umfeld began­gen wor­den sei­en. Rüschen­schmidt nann­te Fall­bei­spie­le, in denen Kin­der sich Eltern oder Groß­el­tern offen­bart hät­ten – und die Ant­wort erhiel­ten: „Der Pfar­rer tut so etwas nicht.“

Allen Bischö­fen von Müns­ter, die seit Kriegs­en­de im Amt waren, warf die Kom­mis­si­on oft erheb­li­che Pflicht­ver­let­zun­gen vor, was die Auf­klä­rung der Straf­ta­ten anging. So ermög­lich­te Bischof Hein­rich Ten­hum­berg (im Amt von 1969 bis 1979) einem Pries­ter, der bereits ein­schlä­gig ver­ur­teilt wor­den war, den Ein­satz in der Seel­sor­ge – wo der Kle­ri­ker wei­ter Miss­brauch trieb. Bischof Rein­hard Lett­mann (im Amt von 1980 bis 2008) war als Weih­bi­schof dar­an betei­ligt, einen  Mann zum Pries­ter zu wei­hen, obwohl die­ser für Miss­brauchs­ver­ge­hen bekannt war. Doch das Gre­mi­um, dem Lett­mann ange­hör­te, folg­te der Begrün­dung, dass der Mann „sich ansons­ten ein­wand­frei ver­hal­ten habe“.

INFO

Bern­hard Frings, Tho­mas Großböl­ting, Klaus Gro­ße Kracht, Nata­lie Pow­roznik, David Rüschen­schmidt: Macht und sexu­el­ler Miss­brauch in der katho­li­schen Kir­che. Betrof­fe­ne, Beschul­dig­te und Ver­tu­scher im Bis­tum Müns­ter seit 1945, Ver­lag Her­der GmbH, Frei­burg im Breis­gau 2022, ISBN: 978–3‑451–38995‑5. Das pdf kön­nen Sie hier her­un­ter­la­den: https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/wwu/journalisten/macht_und_sexueller_missbrauch_im_bistum_muenster.pdf

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