Mittwoch, August 10, 2022

Denkmalserie: Das Siechhaus für die Ausgegrenzten

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Wer­ne. Bevor die Pest das spät­mit­tel­al­ter­li­che Euro­pa heim­such­te, fürch­te­ten die Men­schen kaum eine Krank­heit mehr als die Lepra. Gegen fau­len­de Fin­ger und Zehen, gegen stin­ken­de Geschwü­re auf der Haut kann­ten sie nur ein Heil­mit­tel: Die Betrof­fe­nen aus ihrer Gemein­schaft aus­zu­schlie­ßen und in eige­nen Häu­sern abzu­son­dern. An das Schick­sal der Lepra­kran­ken von Wer­ne erin­nert die Rochus-Kapel­le an der B 54 in Len­klar. Dort stand im Mit­tel­al­ter ein Siechhaus.

Das Siech­haus lag eini­ge Kilo­me­ter außer­halb der Stadt­mau­ern hin­ter einer Land­wehr. Die Lage an Haupt­stra­ßen ermög­lich­te den Kran­ken, Almo­sen von Rei­sen­den zu erbet­teln. Damit ihnen dabei nie­mand zu nahe kam, warn­ten die Aus­sät­zi­gen mit Glöck­chen oder Klap­pern vor ihrer Krank­heit. Lepra­kran­ke, die auf der Stra­ße von Lünen nach Wer­ne unter­wegs waren, konn­ten im Lepro­sen­haus abge­fan­gen wer­den, bevor sie in die Nähe der Stadt­mau­ern kamen.

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Um die Lepro­sen küm­mer­te sich eine Magd. Sie bedien­te gleich­zei­tig den Schlag­baum an der Reit­be­cke. Die­se ver­schlos­se­nen Schran­ken sicher­ten jene Stel­len, an denen Stra­ßen durch die Land­wehr führ­ten. Gegen ein Ent­gelt schlos­sen Nach­barn die Schlag­bäu­me für Durch­rei­sen­de auf. Auch wenn die Bür­ger von Wer­ne die Aus­sät­zi­gen aus Angst vor Anste­ckun­gen weit weg von sich wis­sen woll­ten – ver­ges­sen haben sie sie nicht.

Als die Vika­re Over­ha­ge und Brüg­ge­mann 1843 eine Chro­nik von Wer­ne zusam­men stell­ten, ver­merk­ten sie, dass zwei­mal jähr­lich eine Pro­zes­si­on von St. Chris­to­pho­rus zur Lepro­sen­ka­pel­le führ­te. Außer­dem bedach­ten vie­le Bür­ger das Siech­haus mit Stif­tun­gen. Das bezeu­ge ein gewis­ses Maß „an gesell­schaft­li­chem Anse­hen“ der Lepro­sen, schreibt der His­to­ri­ker Gui­do Heinz­mann. 1497 stif­te­te der Wer­ner Kle­ri­ker Gode­fried van Gochem für sich und sei­nen ver­stor­be­nen Bru­der, den nach Liv­land aus­ge­wan­der­ten Kauf­mann Ahl­ard de Gochem, einen Georgs­al­tar für die Lepro­sen­ka­pel­le. Dazu gehör­te eine Vika­rie, also eine besol­de­te Priesterstelle.

Die Rochus­ka­pel­le von innen. Foto: Anke Bar­ba­ra Schwarze

Die Wit­we des Adolph von Bodelswing stif­te­te den Kran­ken jähr­lich zehn Schef­fel Rog­gen zum Brot­ba­cken; auch Johan van Hove­le bedach­te die Lepro­sen in sei­nem Tes­ta­ment, damit sie zu essen und zu trin­ken hat­ten. Die Men­schen küm­mer­ten sich also um die Lepro­sen und sorg­ten für ihren geist­li­chen Trost. Trotz­dem dürf­te das kaum auf­ge­wo­gen haben, was die Kran­ken ver­lo­ren – ihre Zuge­hö­rig­keit zu Fami­lie und Stadt­ge­mein­de und damit den Schutz einer Gemeinschaft.

Nur im sel­te­nen Fall einer Hei­lung konn­te ein Lepra­kran­ker hof­fen, wie­der auf­ge­nom­men zu wer­den. Das Glück hat­te Leo­nard up der Red­be­cke. Wie Heinz­mann schreibt, erhielt der Mann im Jahr 1500 vom Wer­ner Pfar­rer einen Pas­sier­schein für sei­ne Wall­fahrt zum Grab des hei­li­gen Jako­bus in Sant­ia­go de Compostela.

WERN­Eplus prä­sen­tiert zusam­men mit dem Ver­ein „Freun­de des his­to­ri­schen Stadt­kerns Wer­ne” Denk­mä­ler der Lip­pe­stadt; in der gedruck­ten Zei­tung und auch online.

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