Michael Zurhorst Foto: Photographie Susanne Kästner
Michael Zurhorst, Vorsitzender von „Wir für Werne". Foto: Photographie Susanne Kästner
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Werne. In die Diskussion um das neugeplante Industrie- und Gewerbegebiet Nordlippestraße Nord hat sich jetzt auch die Aktionsgemeinschaft „Wir für Werne“ eingeschaltet – mit einer Positionierung für das Vorhaben.

Der Vorstand von „Wir für Werne“ begrüße die Entscheidung der Stadt und ihrer politischen Gremien, die Entwicklung eines Industriegebietes nördlich des Autobahnzubringers zu prüfen, heißt es in dem „Offenen Brief“ an Bürgermeister und Ratsmitgliedern. Nicht jedes Bauleitplanverfahren führe am Ende auch zu einer entsprechenden Satzung „Bebauungsplan“. Aber es wäre fahrlässig, dieses Verfahren nicht zu führen, meint der Vorsitzende Michael Zurhorst.

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Der gekürzte „Offene Brief“ im Wortlaut:

Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Städte und Gemeinden brauchen solche Flächen, um insbesondere in Krisensituationen autarker zu werden. Die Pandemie hat uns gerade gezeigt, dass wir als ehemalige „Apotheke der Welt“ nicht zeitnah und mit Reserven Masken, Beatmungsgeräte, medizinische Grundstoffe für Impfmittel etc. herstellen können. (…) Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir bestimmte, noch zu definierende Produkte wieder in Deutschland herstellen müssen, wenn wir nicht auf Dauer abhängig von Lieferketten aus dem Ausland sein wollen.

Dieser Erkenntnis folgend brauchen wir Flächen, um solche Firmen in Deutschland anzusiedeln. Ohne neue Industrieflächen -auch solche mit 5 ha Mindestgröße – geht das nicht.

Kirchturmpolitik („aber nicht bei uns…“) hilft nicht weiter und daher werden im überregionalen Bedarf solche potentiellen Flächen ausgewiesen. Wir haben zumindest die Pflicht, die Eignung für Industrie und Gewerbe ernsthaft zu prüfen. Die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens ist das dafür vorgeschriebene und probate Instrument.

Natürlich werden heute an einen derartigen Bebauungsplan viel höhere und andere Ansprüche gestellt als noch vor ein paar Jahren und alte Planungsschemata stehen ebenfalls auf dem Prüfstand. Das gilt für die ökologischen Aspekte genauso wie für die Arbeitsplatzdichte anzusiedelnder Firmen. Mehr Einbettung in die Landschaft als bisher, ökologische Ausgleichsflächen mit weniger zusätzlichem Flächenverbrauch z.B. an Gewässern oder in der Innenstadt, produzierende Firmen statt Logistiker sind hier nur ein paar Stichpunkte einer weitergehenden Sichtweise der Planung als bisher.

Wenn man die konkret zu überplanende Fläche sieht, muss man feststellen, dass diese kein ökologisches Kleinod, sondern intensiv bewirtschaftete Ackerfläche mit allen damit verbundenen Nachteilen ist. Trotzdem bedeutet ein Industriegebiet Versiegelung und Verbrauch von freien Flächen, der eingedämmt werden muss. Genau das ist Aufgabe des Regionalplanes, der diese Fläche als Potential vorgibt, aber gleichzeitig landesweit solche Flächen stark kontingentiert. Insofern muss und wird das Bebauungsplanverfahren der Stadt sämtliche Fragen sorgsam und mit einem erweiterten Fokus in Richtung Klimaschutz abwägen. Aber diese Abwägung sollte unbedingt weitergeführt werden.

Als Beispiel für eine Abwägung mag auch das Wohnprojekt am Becklohhof dienen. Diese anerkannte Klimaschutzsiedlung entsteht auf einer bisher ökologisch hochwertigen stadtnahen Streuobstwiese, die ökologisch um den Faktor 3 bis 4 höherwertiger ist als die zu beplanenden, intensiv bewirtschafteten Ackerflächen außerhalb der Stadt. Aber das Projekt ist als Klimaschutzsiedlung wertvoll und wird als KFW40plus Haus entsprechend gebaut. In der Abwägung führte das sachgerechter Weise zu einer Baugenehmigung. Aber es bleibt bei einer Versiegelung einer hochwertigen Streuobstwiese. Die Versiegelung ökologisch wichtigen Naturraumes ist also nicht das hauptausschlaggebende Argument, wie Gegner der Industriegebietsplanung an prominenter Stelle anführen.

Natürlich gibt es auch Argumente gegen eine solche Entwicklung und diese sollen und müssen im Planverfahren Gehör in der Abwägung finden. Im Vorhinein ohne Prüfung aller Argumente „nein“ zu sagen, ist aus unserer Sicht zwar legitim, aber genauso falsch wie eine Aussage, dass ein Industrie- und Gewerbegebiet an dieser Stelle auf jeden Fall kommen muss.

Leider stellen wir fest, dass die Gegner der Planung bewusst oder unbewusst mit aus unserer Sicht zumindest Halbwahrheiten öffentlich argumentieren. Daher sehen wir es auch als unsere Aufgabe an, die Öffentlichkeit während des gesamten Planungsprozesses mit sachdienlichen Informationen zu versorgen. Wir von „Wir für Werne“ vertrauen auf eine sachgerechte Abwägung im weiteren Verfahren. Die eingangs genannten Gründe für ein neues Industriegebiet sind darin nur ein, wenn auch aus unserer Sicht gewichtiger, Punkt.

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2 Kommentare

  1. Wenn wir unserer Jugend eine Zukunft geben wollen, dürfen wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Wir müssen unsere Natur schützen und eine gesunde Kreislaufwirtschaft entwickeln. Zukunftsweisende Industrie sollte auf bereits versiegelten und verlassenen Industrieflächen, wie z.B. am Gersteinwerk angesiedelt werden. Als kleine, historische Stadt wirbt Werne mit dem Slogan „Stadt-Land-Lippe“. Die Schönheit der Landschaft prägt das eigene Selbstverständnis und ist gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Auch die neue Studie zur geplanten Surfwrld in Werne zeigt: zukünftige Besucher wollen Natur und Erlebnistourismus und garantieren damit viele, neue Arbeitsplätze im Umwelt-Sektor.
    Es stimmt, die Industrie des Ruhrgebietes hat Geschichte geschrieben und das deutsche Wirtschaftswunder ist in der ganzen Welt bekannt und geachtet. Schon immer hat Deutschland die Innovationen in der ganzen Welt vorangetrieben. Doch der industrielle Erfolg hatte auch Nachteile. In den letzten 60 Jahre wurden mehr klimaschädliche Gase freigesetzt, als jemals zuvor in der Geschichte der Welt. So entstand der Klimawandel mit den aktuellen Problemen für unsere Zukunft. Ein zweites, deutsches Wirtschaftswunder, braucht eine regenerative Wirtschaft. Deshalb muss unsere münsterländische Parklandschaft im Bereich der Nordlippestraße auch in Zukunft geschützt werden. Für eine gesunde Zukunft brauchen wir das bedeutende Grundwasser-Quellgebiet, die wichtige Frischluft-Schneise von Werne und neue, regenerative Wirtschaftskonzepte.

  2. Als Vermessungsingenieur, Lobbyist und langjähriger Bauausschussvorsitzender der Stadt Werne, ist es sicherlich schwer zu akzeptieren, das es Zeit wird ernsthaft über die Vergangenheit nachzudenken und neue Erkenntnisse für die Zukunft zu entwickeln. Fährt man mit offenen Augen durch die Gewerbegebiete der Stadt Werne, dann fragt man sich zu recht, wie weit wird diese Versiegelung noch weiter getrieben. Insbesondere entpuppen sich die städtischen Vorgaben in Richtung Klimaschutz als reine Luftnummer !

    Ist Profit alles ? Wo bleibt der Mensch, die Natur und insbesondere der Artenschutz ? Was macht diese wirtschaftliche Fokusierung auf unsere menschliche Gesellschaft ? Haben wir uns in die richtige Richtung weiterentwickelt ?

    Nicht umsonst gibt es Vorgaben, den Flächenverbrauch bis zum Jahr 2050 auf „0“ ha zurückzufahren. Diese Vorgabe und deren Begründungen sind offensichtlich noch nicht in unserer Kommune und deren Hauptakteueren angekommen.

    Aus persönlichen Gesprächen mit Mitgliedern von „Wir für Werne“ weiss ich, das nicht alle der zurhorstschen Richtung folgen, Gott sei Dank !

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