Wenn er an seinem Schreibtisch arbeitet, braucht Pater Wolfgang nur den Kopf zu drehen und blickt auf jene Klöster, wo er in den mehr als 60 Jahren seines Ordenslebens gewirkt hat. - Foto: Schwarze
Wenn er an seinem Schreibtisch arbeitet, braucht Pater Wolfgang nur den Kopf zu drehen und blickt auf jene Klöster, wo er in den mehr als 60 Jahren seines Ordenslebens gewirkt hat. Foto: Schwarze
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Werne. Von seinem Schreibtisch aus schaut Pater Wolfgang in den Garten des Kapuzinerklosters Werne. Neben ihm an der Wand hängen die Bilder jener Klöster, in denen er gewirkt hat, darunter Frankfurt, Deggingen, Ottersweier, Stühlingen und Dieburg. In Münster wurde er vor 60 Jahren zum Priester geweiht. Dieses diamantene Jubiläum feiert der 88-Jährige am Sonntag, 25. Juli, ab 9.30 Uhr in der Klosterkirche.

1932 als Kurt Drews geboren, wuchs Pater Wolfgang als ältestes von drei Kindern in Ober-Eschbach auf, einem Dorf bei Bad Homburg. Solange es die politischen Umstände zuließen, nahm der Junge regen Anteil am gesellschaftlichen Leben, das ein Dorf damals zu bieten hatte. Er spielte Fußball, war Mitglied im Gesangverein und in der katholischen Jugend. Jedenfalls, solange das NS-Regime christlichen Gruppierungen noch erlaubte. Umso eindringlicher erinnert er sich an ein Erlebnis nach dem Krieg: ein überregionales katholisches Jugendtreffen in einem Nachbardorf. Die Teilnehmer übernachteten bei Familien im Ort. Bis heute hält Pater Wolfgang den Kontakt zu einer Tochter jener Familie, die ihn aufgenommen hatte. „Was wir erlebt haben, diese Verbundenheit im Glauben, die gegenseitige Hilfe – das hat mich geprägt.“

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Auf der anderen Seite prägten ihn die Fliegerangriffe auf die nahe Großstadt Frankfurt: „Alles war zerstört – ich wollte aufbauen.“ Während Kurt Drews eine Ausbildung zum Maschinenbauer in Frankfurt machte, reifte in ihm der Wunsch, Priester zu werden. „Ich wollte mit Menschen zu tun haben und nicht für den Rest meines Lebens an der Drehbank stehen.“ Zu seiner geistigen Zuflucht wurde die zerbombte Liebfrauenkirche in Frankfurt. Sie diente als Klosterkirche des benachbarten Kapuzinerklosters und lag an Drews Arbeitsweg. So entstanden erste Kontakte zum Orden.

Eines Tages sprach ihn ein Kapuziner in der Anbetungskapelle an – der aus Werne stammende Bruder Anian: Ob er gleich einem Pater bei der Messe dienen könnte. Drews lehnte ab: Er müsse pünktlich zur Gesellenprüfung erscheinen. „Der Pater macht schnell“, entgegnete Bruder Anian. Drews gab nach, erschien zu spät zur Prüfung, bestand und kündigte anschließend bei seinem verdutzten Chef.

Wenige Tage später sprach er an der Klosterpforte vor und fragte, ob der Orden eine Schule hätte. Der Pförtner verwies ihn ans Kapuziner-Internat im 40 Kilometer entfernten Bensheim. „In dieser Schule lernte ich den heiligen Franziskus kennen“, erzählt Pater Wolfgang. „Und ich spürte sofort, dass seine Spiritualität meiner Art entsprach – das einfach Leben, das unkomplizierte Vertrauen auf Gott.“ Kurt Drews machte sein Abitur und studierte nach seinem Noviziat Theologie und Philosophie in Krefeld und Münster. Er wählte den Ordensnamen Wolfgang und wurde am 26. Juli 1961 in Münster zum Priester geweiht. Fortan widmete er sich vor allem der Volksmission und der Jugendarbeit.

1983 wurde in der Ordensniederlassung Stühlingen das Projekt „Kloster zum Mitleben“ etabliert. Junge Menschen sollten hier das Ordensleben unmittelbar erfahren können. Pater Wolfgang übernahm die Organisation. Es galt, 80 bis 90 junge Leute nach der Messe zur Gartenarbeit, zum Holzhacken und zum Spülen einzuteilen. Nachmittags besprach er mit ihnen Lebens- und Glaubensfragen. „Dabei kamen manche Schwierigkeiten in Schule und Beruf zutage“, erinnert sich der Pater. Bisweilen reiste er mit einem Kleinbus voll Jugendlicher nach Assisi und vermittelte ihnen vor Ort die Ideale des heiligen Franziskus. Einige der von ihm betreuten jungen Männer traten später in den Orden ein.

In Frankfurt baute Pater Wolfgang in den 1970er- und 1980er-Jahren die City-Seelsorge mit auf, in Deggingen sorgte er für die Errichtung einer Außenanlage, um die stark frequentierte Wallfahrtskirche Ave Maria zu entlasten. In Werne wirkte er von 1998 bis 2002 und von 2011 bis 2013 als Guardian. Die vielen Ortswechsel in seinem Leben seien ihm nicht schwergefallen. „Ich kann mich gut neu einstellen“, sagt der Ordensmann. „Die Kontakte zu Menschen, die aus dem Glauben leben, sind einfach da.“

Viele Menschen hat er kennengelernt, denen er später – zum Teil überraschend – wieder begegnet ist. Als er kürzlich seine alte Wirkungsstätte in Deggingen besuchte, sprach ihn nach der Messe ein Paar an, das er vor 20 Jahren in der Wallfahrtskirche getraut hatte. „Zu der Zeit hatte ich noch 50 bis 55 Kinder bei der Erstkommunion, vor ein paar Jahren waren es in Deggingen nur neun“, sinniert Pater Wolfgang. Trotzdem ist er überzeugt, dass Menschen weiterhin die Nähe zu Gott suchen werden. „Sie vertrauen sich uns an, fragen um Hilfe oder bitten um Gebete.“ Das ist etwas, das Pater Wolfgang im hohen Alter noch tun kann: für andere beten und für jene, die in Sorge sind, in der Werner Klosterkirche eine Kerze anzünden.

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