Mittwoch, Dezember 8, 2021

Gedenken an die Pogromnacht

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Werne. In der Gasse zwis­chen Markt und Bonen­straße zeu­gen heute zwei Boden­plat­ten mit Skizzen der ehe­ma­li­gen Syn­a­goge und jüdis­chen Schule vom jüdis­chen Leben, das einst, so Bürg­er­meis­ter Lothar Christ am Dien­stag in sein­er Ansprache zum Gedenken an die Pogrom­nacht des 9. Novem­ber 1938, tief in der Stadt ver­wurzelt gewe­sen sei. 

„Skizzen der ehe­ma­li­gen Syn­a­goge und der jüdis­chen Schule machen eben­so wie die dazu gehöri­gen Erläuterun­gen deut­lich, dass an dieser Stelle ein Schw­er­punkt jüdis­chen Lebens in Werne war“, sagte er.

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Genau vor einem Jahr allerd­ings, habe er mit­teilen müssen, dass die tra­di­tionelle Gedenkver­anstal­tung aus­fall­en müsse. Grund seien die Ein­schränkun­gen der Coro­na-Pan­demie gewe­sen. „Was wir damals noch nicht wussten: Am sel­ben Tag, dem 9. Novem­ber 2020, kon­nte die Fir­ma Pfiz­er und das Forschere­hep­aar Özlem Türe­ci und Ugur Sahin, die Mit­grün­der der Fir­ma BioN­Tech aus Mainz, der Weltöf­fentlichkeit eine bahn­brechende Mit­teilung machen: Der vornehm­lich von ihnen entwick­elte Covid-19-Impf­stoff hat­te sich mit ein­er mehr als 90-prozenti­gen Wirk­samkeit als erfol­gre­ich gezeigt!“ 

Der 9. Novem­ber 2020 sei somit in zweifach­er Weise durch Coro­na geprägt gewe­sen. Zum einen hat­te das Coro­na-Virus die Durch­führung der tra­di­tionellen Gedenkver­anstal­tung ver­hin­dert. Zum anderen würde der an diesem Tag bekan­nt gewor­dene Impf­stoff unzäh­li­gen Men­schen weltweit helfen.

Die Gedenkver­anstal­tung war am Dien­stag (9. Novem­ber) gut besucht. Foto: Gaby Brüggemann

Christ erin­nerte dann vor den Teil­nehmern der gut besucht­en Ver­anstal­tung an Gewalt und Schreck­en der Pogrom­nacht, an die „zahlre­ichen Über­griffe in ganz Deutsch­land, an die Brände in 1.400 Syn­a­gogen und anderen jüdis­chen Ein­rich­tun­gen, an die Ver­schlep­pung von Men­schen, an etwa 1.500 Tote und zahllose Ver­let­zte, an Het­z­jag­den und Plün­derun­gen. Und von all dem war Werne nicht ausgenom­men“, sagte er.

Heute – 83 Jahre später – wür­den Erin­nerungsver­anstal­tun­gen wie diese kri­tisch hin­ter­fragt. Gefragt werde auch, warum heute immer noch soge­nan­nte Stolper­steine ver­legt und Denkmäler sowie Erin­nerungstafeln errichtet wer­den. „Ohne gründlich­es Wis­sen um seine Geschichte kann auf die Dauer kein Volk beste­hen…. Wenn ein Volk aber ver­sucht, in und mit sein­er Geschichte zu leben, dann ist es gut berat­en, in und mit sein­er ganzen Geschichte zu leben und nicht nur mit ihren guten und erfreulichen Tat­en“, ver­wies Christ auf die Worte des ehe­ma­li­gen Bun­de­spräsi­den­ten Roman Herzog.

Bürg­er­meis­ter Lothar Christ erin­nerte an die Schreck­en der Pogrom­nacht. Foto: Gaby Brügge­mann
 

Wernes Bürg­er­meis­ter schlug den Bogen zu dem His­torik­er Wolf­gang Niess und dessen kür­zlich erschiene­nen Buch mit dem Titel: „Der 9. Novem­ber – Die Deutschen und ihr Schick­sal­stag“. Niess selb­st ste­he zwar dem vom Ver­lag im Unter­ti­tel gewählten Begriff „Schick­sal­stag“ skep­tisch gegenüber, sehe aber dur­chaus Verbindungslin­ien zwis­chen den his­torischen Ereignis­sen, die jew­eils auf einen 9. Novem­ber fie­len: „Die Rev­o­lu­tion 1918, der Hitler­putsch 1923, die Pogrom­nacht 1938 und der Fall der Berlin­er Mauer 1989.“ Nach Auf­fas­sung von Niess spiegele sich im 9. Novem­ber wie in keinem anderen Tag des Jahres der lange, von furcht­baren Rück­fällen unter­broch­ene Kampf um die Demokratie in Deutsch­land. Und erst 2018 habe man erst­mals mit ein­er Gedenkstunde im Bun­destag an die Novem­ber-Rev­o­lu­tion von 1918 erinnert.

His­torik­er Niess mache deut­lich, dass die Ereignisse am jew­eili­gen 9. Novem­ber der Jahre 1918, 1923 und 1938 einan­der bedin­gen, dass aber auch die Hinzu­nahme des 9. Novem­ber 1989 eine Gesamt­be­w­er­tung erlaube. Bun­de­spräsi­dent Frank-Wal­ter Stein­meier habe in sein­er Gedenkrede 2018 vor dem Bun­destag gesagt: „Am 9. Novem­ber erin­nern wir Deutsche an bei­des: an Licht und an Schat­ten unser­er Geschichte. Dieser Tag ist ein Tag der Wider­sprüche, ein heller und ein dun­kler Tag. Ein Tag, der uns das abver­langt, was für immer zum Blick auf die deutsche Ver­gan­gen­heit gehören wird. Die Ambivalenz der Erinnerung.“

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