Nach dem Bürgergespräch fand vor Mecke an der Lippestraße eine Mahnwache statt. Soko-Vorsitzender Friedrich Mülln beantwortete auch hier Fragen der Teilnehmenden. Foto: Wagner
Nach dem Bürgergespräch fand vor Mecke an der Lippestraße eine Mahnwache statt. Soko-Vorsitzender Friedrich Mülln beantwortete auch hier Fragen der Teilnehmenden. Foto: Wagner
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Werne. Im Fall Mecke gelangen immer neue Details an die Öffentlichkeit. In einem Bürgergespräch im Kolpingsaal untermauerten Friedrich Mülln und seine Mitstreiter/innen von der „Soko Tierschutz“ am Mittwochabend anhand von Videos und Fotos ihre Kritik an den skandalösen Zuständen in dem Fleischerei-Betrieb, der am Freitag, 13. August, vom Kreis Unna geschlossen wurde. Rund 100 interessierte Bürgerinnen und Bürger sahen entsetzt diese Dokumentation und machten ihrem Unmut in Wortbeiträgen Luft.

Dass kranke und geschwächte Tiere aus der umstrittenen Viehsammelstelle an der Lünener Straße in den normalen Schlachtbetrieb gelangt und zu Lebensmitteln verarbeitet und in den Geschäften an Verbraucher verkauft wurden, belegte die „Soko Tierschutz“ mit dem Auslesen von GPS-Daten eines mit Vieh beladenen Transporters. Dieser steuerte nämlich nicht die für Tierfutter für Zoos und Zirkusse zugelassene Mecke-Schlachterei am Froningholz an, sondern den Stammsitz an der Lippestraße, wo er entladen wurde. „Das sind eindrucksvolle Beweise“, sagte Mülln.

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Eine weitere Aufnahme zeigte noch vitale Kühe, die in der Schlachterei an der Lippestraße beim Abladen eines Transporters über ein am Boden liegendes krankes Kalb trampelten. Das junge Rind wurde mit roher Gewalt in die Verarbeitungsschlange geführt. „Wo war da der Veterinär?“, fragte Friedrich Mülln: „Wenn er schon nicht im Bild war, hätte er doch einschreiten müssen.“

Die Tierschützer Monika Berg und Friedrich Mülln stellten beim Bürgergespräch weiteres Videomaterial vor, das die Verfehlungen von Mecke und Kreisveterinäramt veranschaulichte. Foto: Wagner
Die Tierschützer Monika Berg und Friedrich Mülln stellten beim Bürgergespräch weiteres Videomaterial vor, das die Verfehlungen von Mecke und Kreisveterinäramt veranschaulichte. Foto: Wagner

Die Tierschützer hielten auch mit der Kamera fest, wie ein Mecke-Mitarbeiter bei einem über Nacht qualvoll verendeten Rind durch Bolzenschuss und Kehlschnitt eine Notschlachtung vortäuschte, damit das Tier noch der Lebensmittelverarbeitung zugeführt werden konnte. Zuvor hatte er das Rind mit einer Mistgabel gekratzt, um zu überprüfen, ob es noch lebt. 

Bereits in der Pressekonferenz des Landrats am Tag zuvor hatte Mülln die Vertreter des Kreises gefragt, warum auf keiner der über Monate mit versteckten Kameras gemachten Aufnahmen ein Kontrolleur des Veterinäramtes zu sehen sei. Er äußerte den Verdacht, dass nur unzureichend Kontrollen durchgeführt wurden oder die vom Kreis mit der Aufsicht beauftragten Tierärzte bewusst nicht hingeschaut hätten. Möglicherweise, weil sie auch auf der Lohnliste des umstrittenen Fleischers stehen. Dies sei auch beim illegalen Schächten in der Selmer Schlachterei Prott vor einigen Monaten der Fall gewesen. „Zwei Tier-Skandale innerhalb kurzer Zeit. Wenn ich an den Landkreis Unna denke, könnte ich kotzen“, sagte Mülln unter dem Beifall der Anwesenden.

Schon vor vier Wochen habe die Behörde Einsicht in die Videoaufnahmen erhalten und damit vom Verdacht der verbotenen Krankschlachtungen gewusst. Einen Rückruf von Mecke-Produkten im Handel habe man aber nicht veranlasst. „Ich finde es schon schockierend, wenn der Landrat sagt, er habe sich unsere Dokumentationen nicht ganz angeschaut. Da hat er einen krachenden Skandal und beschäftigt sich nicht einhellig damit?“, fuhr Mülln fort.

Die betroffene Viehsammelstelle in Werne sei in der Regel einmal im Monat kontrolliert worden. Im laufenden Jahr seien bereits neun Kontrollen in Werne durchgeführt worden, dabei sei jedes einzelne Tier einem Tierarzt vorgeführt worden, hatte am Dienstag in der Kreis-Pressekonferenz der zuständige Dezernent Uwe Hasche erklärt. Bekanntlich war die Viehsammelstelle nur für Pferde zugelassen. Die Soko-Videoaufnahmen dokumentieren aber bei Verladungen Rinder auf dem Gelände. Das hätte dem amtlichen Tierarzt auffallen müssen, meinen die Tierschützer.  „Der Fisch stinkt vom Kopf“, sagte Friedrich Mülln unter großem Applaus der 100 Teilnehmenden im Kolpingsaal.

Fast alle Plätze im Kolpingsaal waren während des Bürgergesprächs von Soko Tierschutz besetzt. Foto: Wagner
Fast alle Plätze im Kolpingsaal waren während des Bürgergesprächs von Soko Tierschutz besetzt. Foto: Wagner

Weitere Themen, zu denen auch Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies und Dr. Jochen Weins vom Verein „Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft“ Stellung bezogen, drehten sich um die Rolle der Amtsveterinäre oder das „stumpfe Schwert“ (Friedrich Mülln) der Tierhalteverbote.

Kurz vor Ende der zweistündigen Veranstaltung bezichtigte der Soko-Vorsitzende den Geschäftsführer des Tierfutter-Herstellers Paribal, Tim Ebbinghaus, der Lüge. Letzterer hatte zuletzt in einer Stellungnahme betont, dass das von Paribal bezogene Fleisch der Firma Mecke ausschließlich aus der Schlachtung an der Lippestraße stammte und somit von Tieren, die für den Lebensmittelbetrieb zugelassen waren. Videoaufnahmen der Soko zeigen aber einen Paribal-Transporter, der am Mecke-Schlachtbetrieb am Froningholz hält. Was dort genau ent- oder beladen wird, ist jedoch nicht zu erkennen.

150 Menschen zählte die Polizei bei der Mahnwache vor der Fleischerei Mecke an der Lippestraße am 18. August 2021. Foto: Wagner
150 Menschen zählte die Polizei bei der Mahnwache vor der Fleischerei Mecke an der Lippestraße am 18. August 2021. Foto: Wagner

Rund 150 Menschen fanden sich nach dem Bürgergespräch laut der anwesenden Polizeibeamten zur stillen Mahnwache mit Kerzen vor Mecke an der Lippestraße 5 ein. Hier beantwortete Friedrich Mülln weitere Fragen. Die Teilnehmenden forderten unter anderem strengere Tierschutzgesetze.

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