Dienstag, Mai 17, 2022

„Die Stadt weiß gar nicht, dass Werne ein Touristenziel ist“

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Wer­ne. Holz­pan­tof­feln im Kor­ri­dor und eine Heiß­man­gel in der Wasch­kü­che: Im Feri­en­haus von Sabi­ne Gam­bel konn­ten Gäs­te im gemüt­li­chen Ambi­en­te eines Berg­werks­häus­chens woh­nen. Dann kam die Pan­de­mie und mit ihr vie­le, „ärger­li­che Absa­gen“. Auch ein Jahr spä­ter sieht die Inha­be­rin kei­nen Grund mehr, das Feri­en­haus zu behal­ten. Es soll ver­kauft oder ver­mie­tet werden.

Vor neun Jah­ren kauf­te Sabi­ne Gam­bel ein klei­nes Haus, nur eini­ge Meter von ihrem Zuhau­se ent­fernt: 75 Qua­drat­me­ter und zwei Eta­gen in der Lip­pe­stra­ße. Zunächst war es als Über­nach­tungs­ort für die Eltern der gebür­ti­gen Köl­ne­rin gedacht. Dann kam ihr die Idee, die Geschich­te des alten Berg­ar­bei­ter­häus­chens auf­le­ben zu las­sen und das Haus für Tou­ris­ten zu ver­mie­ten. „Das Haus stand zwei Jah­re leer, im Kühl­schrank waren sogar noch Lebens­mit­tel“, schil­dert Gambel.

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Gemein­sam mit ihrem Lebens­ge­fähr­ten räum­te sie die chao­ti­schen Zim­mer, tausch­te die brü­chi­gen Fens­ter aus und begann authen­ti­sche Möbel­stü­cke zu sam­meln, die an die Zeit der Zechen­ar­beit erin­nern. Vier Jah­re lang reno­vier­te Gam­bel mit Herz­blut. Heu­te zie­ren die Wän­de klei­ne, selbst­gestem­pel­te Moti­ve, die Holz­die­len sind dun­kel­rot lackiert und an den Wän­den hän­gen alte Bil­der aus der Stadt­ge­schich­te. Klei­ne Details, wie eine Heiß­man­gel zum Bügeln in der Wasch­kü­che und Nacht­töp­fe unter den Bet­ten ver­setz­ten die Gäs­te in eine ande­re Zeit.

„Ich hat­te Tou­ris­ten aus dem Aus­land, zum Bei­spiel Eng­land oder den Nie­der­lan­den“, erin­nert sich Gam­bel. Mal woll­te eine Besu­che­rin ihrer Mut­ter eine Freu­de machen, mal tra­fen sich zwei Freun­de aus ver­schie­de­nen Städ­ten für ein ruhi­ges Wochen­en­de. Vor allem die schö­nen Fahr­rad­we­ge und die Gren­ze zum Ruhr­ge­biet und Müns­ter­land sei­en für die Gäs­te inter­es­sant und machen Wer­ne zum Tou­ris­ten­ziel. Auch das Sole­bad und gro­ße Ver­an­stal­tun­gen, wie Schüt­zen­fes­te oder Sim-Jü, lock­ten Gäs­te an. Das Haus sei durch­ge­hend aus­ge­bucht gewesen.

Die Couch gehör­te Sabi­ne Gam­bels Groß­el­tern. Es ist eines der Lieb­lings­stü­cke der Besit­ze­rin. Vie­le Jah­re lang sam­mel­te Gam­bel anti­ke Möbel­stü­cke für ihr Feri­en­haus. Foto: Alex­an­dra Prokofev

Seit Win­ter letz­ten Jah­res dür­fen auf­grund der Pan­de­mie kei­ne Urlaubs­gäs­te mehr beher­bergt wer­den. Leer steht das Haus aber nicht: Geschäfts­leu­te und Hand­wer­ker buchen es wei­ter­hin. „Das ist aber nie mein Ziel gewe­sen, ich woll­te das Haus für Tou­ris­ten anbie­ten“, sagt Gam­bel. Da sie auch in die­sem Jahr kei­ne Per­spek­ti­ve sieht, wann sie wie­der öff­nen kann, hat sie eine Ent­schei­dung getrof­fen: Sie wird das Haus ver­kau­fen oder vermieten. 

Aber nicht nur die Pan­de­mie habe dazu bei­getra­gen. Gam­bel beob­ach­tet eine „Nicht-Wert­schät­zung“ des Tou­ris­mus in Wer­ne: „Über­nach­tungs­zah­len wur­den noch nie abge­fragt. Der Wohn­mo­bil­stell­platz Am Hagen ist nicht tou­ris­ten­freund­lich. Ich habe das Gefühl, die Stadt weiß gar nicht, dass Wer­ne ein Tou­ris­ten­ziel ist.“ Vor eini­gen Jah­ren habe sich die 61-Jäh­ri­ge beim Stadt­mar­ke­ting um ein Schild bemüht, dass auf die Innen­stadt ver­wei­sen und den Vor­bei­fah­ren­den als Ori­en­tie­rung die­nen soll­te. „Das hat Jah­re gedau­ert. In der Zeit wuss­ten vie­le Fahr­rad­fah­rer gar nicht, wo sie hin sol­len und sind wei­ter nach Rün­the gefah­ren“, erzählt Gam­bel. Dabei habe Wer­ne aus ihrer Sicht viel zu bie­ten: „Ich kau­fe seit Jah­ren nur noch in Wer­ne ein. Die Stadt ist kin­der­freund­lich und hat tol­le Radwege.“

Die Ent­schei­dung, das Feri­en­haus auf­zu­ge­ben, fiel Gam­bel nicht leicht. „Ich bedaue­re wirk­lich jedes Gast­haus und jedes Hotel, das Ange­stell­te hat und schlie­ßen muss­te“, sagt Gam­bel. Für die Che­mie­la­bo­ran­tin sei das Feri­en­haus nur ein Neben­ver­dienst gewe­sen. Etwas Weh­mut ist beim Anblick der lie­be­voll ein­ge­rich­te­ten Räu­me trotz­dem dabei. Doch eini­ge ihrer Lieb­lings­stü­cke, nimmt sie mit in ihr Feri­en­haus an der Oste, nahe Cux­ha­ven: So zum Bei­spiel die gemus­ter­te Couch, die noch ihren Groß­el­tern gehört hat, oder den gemüt­li­chen Schau­kel­stuhl aus altem, dunk­len Holz.

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