Donnerstag, Dezember 8, 2022

Bürgerforum zum „Gewerbepark“: Friedlich und sachlich statt hitzig

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Wer­ne. 100 Besu­cher waren im Saal, 80 ver­folg­ten die Ver­an­stal­tung online: Das ist die rein zah­len­mä­ßi­ge Bilanz des Bür­ger­fo­rums zum Bür­ger­ent­scheid für oder gegen die Pla­nung eines Gewer­be­ge­bie­tes an der Nordlippestraße. 

Befür­wor­ter aus Poli­tik, Ver­wal­tung und Wirt­schaft und die Geg­ner des Pro­jek­tes nutz­ten am Frei­tag­nach­mit­tag auf der Büh­ne des Kol­ping­saals die Gele­gen­heit, ihre Argu­men­te aus­zu­tau­schen und den Wahl­be­rech­tig­ten mit Infor­ma­tio­nen die Grund­la­ge für ihre Ent­schei­dung beim Bür­ger­ent­scheid am 12. Dezem­ber zu geben. 

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Unter der pro­fes­sio­nel­len Lei­tung der Wirt­schafts­mo­de­ra­to­rin Britt Loren­zen fand eine sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem umstrit­te­nen The­ma statt. Die Bür­ger erhiel­ten in der zwei­stün­di­gen Ver­an­stal­tung aus­rei­chend Gele­gen­heit, ihre Fra­gen zu stel­len, sowohl online als auch auf vor­be­rei­te­ten Kar­ten im Saal.

Dabei sah es zunächst nicht so aus, dass die Dis­kus­si­on einen so fried­li­chen Ver­lauf neh­men wür­de, nach­dem Bür­ger­meis­ter Lothar Christ auf Wunsch der Wer­ner Gewer­be­trei­ben­den mit dem „Wir für Werne“-Vorsitzenden Micha­el Zur­horst kurz­fris­tig noch einen wei­te­ren Befür­wor­ter des Pro­jek­tes aufs Podi­um ein­ge­la­den hat­te. Der Spre­cher der Bür­ger­initia­ti­ve, Axel Kers­t­ing, hat­te die­ses Vor­ge­hen scharf kri­ti­siert. Die Lösung des Pro­blems stieß bei den Anwe­sen­den aber auf kei­ner­lei Wider­stand: Die drei Ver­tre­ter im Befür­wor­ter-Lager erhiel­ten zusam­men die glei­che Rede­zeit wie die zwei Geg­ner: 45 Minu­ten stan­den ihnen jeweils zur Ver­fü­gung. Die Zeit der Wort­bei­trä­ge wur­de gestoppt.

„Wir möch­ten Ihnen eine Büh­ne mit sach­kun­di­gen Per­so­nen bie­ten, damit Sie wis­sen, wo Sie am 12. Dezem­ber Ihr Kreuz machen“, eröff­ne­te Britt Loren­zen den Abend. Vier ein­mi­nü­ti­ge State­ments führ­ten in das The­ma ein.

100 Inter­es­sier­te waren zum Bür­ger­fo­rum in den Kol­ping­saal gekom­men, wei­te­re 80 ver­folg­ten die Ver­an­stal­tung zuhau­se am Bild­schirm ihres Com­pu­ters. Foto: Klaus Brüggemann

Bür­ger­meis­ter Lothar Christ beton­te die Not­wen­dig­keit einer Aus­wei­sung der neu­en Gewer­be­flä­che, die für die wei­te­re Ent­wick­lung und die Siche­rung der Infra­struk­tur erfor­der­lich sei. Bei der Pla­nung wür­den stren­ge Anfor­de­run­gen an die Nach­hal­tig­keit und den Kli­ma­schutz gestellt. „Wenn wir das nicht in Wer­ne mit Ver­ant­wor­tung machen, dann machen das ande­re ohne Ver­ant­wor­tung“, so Christ.

Mar­tin Schwert, Ein­rei­cher des Bür­ger­be­geh­rens, sprach von einer Ent­schei­dung mit gro­ßer Bedeu­tung, die die Bür­ger am 12. Dezem­ber tref­fen. Es gehe dar­um, die ver­krus­te­te Poli­tik in Wer­ne durch das Votum der Bür­ger aufzubrechen.

Maxi­mi­li­an Fal­ken­berg, Rats­mit­glied der Grü­nen und Vor­sit­zen­der des Aus­schus­ses für Umwelt, Mobi­li­tät und Kli­ma­schutz, heg­te Zwei­fel an den Plä­nen, dass auf der Flä­che an der Nord­lip­pe­stra­ße tat­säch­lich ein „grü­nes Indus­trie­ge­biet“ ent­ste­hen kann. Die Ent­schei­dung gegen die wei­te­re Pla­nung sei ein kla­res Ja für die Zukunft.

Uta Lei­sen­tritt (CDU), Vor­sit­zen­de des Stadt­ent­wick­lungs­aus­schus­ses, bezeich­ne­te das Gewer­be­ge­biet als eine gro­ße Chan­ce für die Stadt Wer­ne. Sie appel­lier­te, die Bau­leit­pla­nung wei­ter­zu­füh­ren, um eine Ent­schei­dungs­grund­la­ge zu bekommen.

„Es gibt im gesam­ten Ver­bands­ge­biet einen Bedarf von 1.300 Hekt­ar für grö­ße­re Indus­trie­an­sied­lun­gen“, erläu­ter­te Micha­el Bon­gartz vom Regio­nal­ver­band Ruhr im Kurz­vor­trag, wie es zu der Aus­wei­sung der Flä­che am nörd­li­chen Orts­ein­gang gekom­men ist. 43 Stand­or­te sei­en in der Regi­on Ruhr genau­er unter­sucht wor­den, letzt­end­lich sei­en 24 fest­ge­legt wor­den – dar­un­ter zehn Industriebrachen. 

Micha­el Bon­gartz vom RVR erläu­ter­te die Pla­nung der Koope­ra­ti­ons­stand­or­te. Die Ver­an­stal­tung wur­de live im Inter­net über­tra­gen. Foto: Klaus Brüggemann

Die Koope­ra­ti­ons­stand­or­te sei­en eine Chan­ce für die jewei­li­gen Kom­mu­nen, denn dort könn­ten Unter­neh­men mit einem Bedarf von min­des­tens fünf Hekt­ar ange­sie­delt wer­den, sag­te Bon­gartz. Die Rea­li­sie­rung sei in der Ver­ant­wor­tung der Kom­mu­nen. „Inner­halb des fest­ge­leg­ten Gebie­tes hat die Stadt die allei­ni­ge Pla­nungs­ho­heit“, ver­si­cher­te der RVR-Spre­cher und beton­te, dass die regio­na­len Koope­ra­ti­ons­stand­or­te unab­hän­gig vom kom­mu­na­len Bedarf aus­ge­wie­sen wer­den. „Sie kön­nen natio­nal und inter­na­tio­nal dafür wer­ben und neue, zukunfts­träch­ti­ge Betrie­be nach Wer­ne holen“, sag­te Bongartz.

Im anschlie­ßen­den Podi­ums­ge­spräch stell­ten sich Bür­ger­meis­ter Lothar Christ, Mat­thi­as Stil­ler, Lei­ter der Wirt­schafts­för­de­rung, „Wir für Werne“-Vorsitzender Micha­el Zur­horst sowie die Ver­tre­ter des Bür­ger­be­geh­rens, Cle­mens Over­mann und Dr. Götz Hein­rich Loos, den Fra­gen der Bür­ger. Lothar Christ gestand in sei­nem Ein­gangs­state­ment ein, dass es Feh­ler bei der Infor­ma­ti­on über die Plä­ne gege­ben hat. „Wir hät­ten eher infor­mie­ren müs­sen. Das haben wir ver­passt“, sag­te der Bür­ger­meis­ter. Aller­dings sei­en frü­he­re Ent­schei­dun­gen über Gewer­be­ge­bie­te nie kon­trär dis­ku­tiert worden.

„Die inten­si­ve Land­wirt­schaft auf der Flä­che lässt sich nicht weg­leug­nen, aber es gibt Säu­me, die arten­reich sind“, hob Dr. Götz Hein­rich Loos den öko­lo­gi­schen Wert der für das Indus­trie­ge­biet vor­ge­se­he­nen Flä­che her­vor. Bevor man die freie Land­schaft in Anspruch nimmt, soll­te zunächst im Sied­lungs­be­reich nach­ver­dich­tet werden.

Cle­mens Over­mann sprach von Pla­nungs­feh­lern der Ver­gan­gen­heit, die sein Ver­trau­en in die Wer­ner Poli­tik getrübt hät­ten. „Mit­te der 1980-Jah­re soll­te am Stadt­park ein Hotel gebaut wer­den, das durch das Enga­ge­ment einer BI ver­hin­dert wur­de. An die­ser Stel­le befin­det sich heu­te die Sali­ne“, nann­te Over­mann ein Bei­spiel.  Und wäre man den Pla­nun­gen aus den 1970er Jah­ren gefolgt, dann wür­de an Stel­le des Alten Rat­hau­ses ein Park­haus stehen.

Also soge­nann­te Bür­ger­spre­cher fun­gier­ten Phil­ipp Cra­mer (Wirt­schafts­för­de­rung) und BIN-Ver­tre­ter Huber­tus Rosen­dahl (rechts), die die Fra­gen der Bür­ger notier­ten und per Bea­mer an die Gesprächs­run­de wei­ter­reich­ten. Foto: Klaus Brüggemann

Wirt­schafts­för­de­rer Mat­thi­as Stil­ler ver­si­cher­te, dass die Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie des Lan­des im neu­en Gewer­be­ge­biet Berück­sich­ti­gung fin­de: „Wir wol­len Indus­trie- und Gewer­be­ge­bie­te neu den­ken.“ So wür­den im Bebau­ungs­plan har­te Anfor­de­run­gen an den Kli­ma­schutz gestellt, die für die Unter­neh­men ver­bind­lich sei­en. Die Stadt kön­ne Vor­rei­ter bei der Rea­li­sie­rung eines kli­ma­freund­li­chen Gewer­be- und Indus­trie­ge­bie­tes werden.

Micha­el Zur­horst hält den Wider­stand der Bür­ger­initia­ti­ve für ver­früht, denn der­zeit gebe es noch zu wenig Fak­ten für eine sach­ge­rech­te Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma. Des­halb hält er es für erfor­der­lich, wei­te­re Unter­su­chun­gen im Rah­men des Plan­ver­fah­rens durch­zu­füh­ren. Damit wer­de nichts fest­ge­legt. „Wir haben uns in der Ver­gan­gen­heit am Ende einer Pla­nung auch schon gegen ein Vor­ha­ben ent­schie­den“, so der frü­he­re CDU-Ratsvertreter. 

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