Samstag, Dezember 4, 2021

Bürgerforum zum „Gewerbepark“: Friedlich und sachlich statt hitzig

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Werne. 100 Besuch­er waren im Saal, 80 ver­fol­gten die Ver­anstal­tung online: Das ist die rein zahlen­mäßige Bilanz des Bürg­er­fo­rums zum Bürg­er­entscheid für oder gegen die Pla­nung eines Gewer­bege­bi­etes an der Nordlippestraße. 

Befür­worter aus Poli­tik, Ver­wal­tung und Wirtschaft und die Geg­n­er des Pro­jek­tes nutzten am Fre­ita­gnach­mit­tag auf der Bühne des Kolp­ingsaals die Gele­gen­heit, ihre Argu­mente auszu­tauschen und den Wahlberechtigten mit Infor­ma­tio­nen die Grund­lage für ihre Entschei­dung beim Bürg­er­entscheid am 12. Dezem­ber zu geben. 

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Unter der pro­fes­sionellen Leitung der Wirtschaftsmod­er­a­torin Britt Loren­zen fand eine sach­liche Auseinan­der­set­zung mit dem umstrit­te­nen The­ma statt. Die Bürg­er erhiel­ten in der zweistündi­gen Ver­anstal­tung aus­re­ichend Gele­gen­heit, ihre Fra­gen zu stellen, sowohl online als auch auf vor­bere­it­eten Karten im Saal.

Dabei sah es zunächst nicht so aus, dass die Diskus­sion einen so friedlichen Ver­lauf nehmen würde, nach­dem Bürg­er­meis­ter Lothar Christ auf Wun­sch der Wern­er Gewer­be­treiben­den mit dem „Wir für Werne“-Vorsitzenden Michael Zurhorst kurzfristig noch einen weit­eren Befür­worter des Pro­jek­tes aufs Podi­um ein­ge­laden hat­te. Der Sprech­er der Bürg­erini­tia­tive, Axel Ker­st­ing, hat­te dieses Vorge­hen scharf kri­tisiert. Die Lösung des Prob­lems stieß bei den Anwe­senden aber auf kein­er­lei Wider­stand: Die drei Vertreter im Befür­worter-Lager erhiel­ten zusam­men die gle­iche Redezeit wie die zwei Geg­n­er: 45 Minuten standen ihnen jew­eils zur Ver­fü­gung. Die Zeit der Wort­beiträge wurde gestoppt.

„Wir möcht­en Ihnen eine Bühne mit sachkundi­gen Per­so­n­en bieten, damit Sie wis­sen, wo Sie am 12. Dezem­ber Ihr Kreuz machen“, eröffnete Britt Loren­zen den Abend. Vier ein­minütige State­ments führten in das The­ma ein.

100 Inter­essierte waren zum Bürg­er­fo­rum in den Kolp­ingsaal gekom­men, weit­ere 80 ver­fol­gten die Ver­anstal­tung zuhause am Bild­schirm ihres Com­put­ers. Foto: Klaus Brüggemann

Bürg­er­meis­ter Lothar Christ betonte die Notwendigkeit ein­er Ausweisung der neuen Gewer­be­fläche, die für die weit­ere Entwick­lung und die Sicherung der Infra­struk­tur erforder­lich sei. Bei der Pla­nung wür­den strenge Anforderun­gen an die Nach­haltigkeit und den Kli­maschutz gestellt. „Wenn wir das nicht in Werne mit Ver­ant­wor­tung machen, dann machen das andere ohne Ver­ant­wor­tung“, so Christ.

Mar­tin Schw­ert, Ein­re­ich­er des Bürg­er­begehrens, sprach von ein­er Entschei­dung mit großer Bedeu­tung, die die Bürg­er am 12. Dezem­ber tre­f­fen. Es gehe darum, die verkrustete Poli­tik in Werne durch das Votum der Bürg­er aufzubrechen.

Max­i­m­il­ian Falken­berg, Ratsmit­glied der Grü­nen und Vor­sitzen­der des Auss­chuss­es für Umwelt, Mobil­ität und Kli­maschutz, hegte Zweifel an den Plä­nen, dass auf der Fläche an der Nordlippes­traße tat­säch­lich ein „grünes Indus­triege­bi­et“ entste­hen kann. Die Entschei­dung gegen die weit­ere Pla­nung sei ein klares Ja für die Zukunft.

Uta Leisen­tritt (CDU), Vor­sitzende des Stad­ten­twick­lungsauss­chuss­es, beze­ich­nete das Gewer­bege­bi­et als eine große Chance für die Stadt Werne. Sie appel­lierte, die Bauleit­pla­nung weit­erzuführen, um eine Entschei­dungs­grund­lage zu bekommen.

„Es gibt im gesamten Ver­bands­ge­bi­et einen Bedarf von 1.300 Hek­tar für größere Indus­triean­sied­lun­gen“, erläuterte Michael Bon­gartz vom Region­alver­band Ruhr im Kurzvor­trag, wie es zu der Ausweisung der Fläche am nördlichen Ort­sein­gang gekom­men ist. 43 Stan­dorte seien in der Region Ruhr genauer unter­sucht wor­den, let­z­tendlich seien 24 fest­gelegt wor­den – darunter zehn Industriebrachen. 

Michael Bon­gartz vom RVR erläuterte die Pla­nung der Koop­er­a­tions­stan­dorte. Die Ver­anstal­tung wurde live im Inter­net über­tra­gen. Foto: Klaus Brüggemann

Die Koop­er­a­tions­stan­dorte seien eine Chance für die jew­eili­gen Kom­munen, denn dort kön­nten Unternehmen mit einem Bedarf von min­destens fünf Hek­tar ange­siedelt wer­den, sagte Bon­gartz. Die Real­isierung sei in der Ver­ant­wor­tung der Kom­munen. „Inner­halb des fest­gelegten Gebi­etes hat die Stadt die alleinige Pla­nung­shoheit“, ver­sicherte der RVR-Sprech­er und betonte, dass die regionalen Koop­er­a­tions­stan­dorte unab­hängig vom kom­mu­nalen Bedarf aus­gewiesen wer­den. „Sie kön­nen nation­al und inter­na­tion­al dafür wer­ben und neue, zukun­ft­strächtige Betriebe nach Werne holen“, sagte Bongartz.

Im anschließen­den Podi­ums­ge­spräch stell­ten sich Bürg­er­meis­ter Lothar Christ, Matthias Stiller, Leit­er der Wirtschafts­förderung, „Wir für Werne“-Vorsitzender Michael Zurhorst sowie die Vertreter des Bürg­er­begehrens, Clemens Over­mann und Dr. Götz Hein­rich Loos, den Fra­gen der Bürg­er. Lothar Christ ges­tand in seinem Ein­gangsstate­ment ein, dass es Fehler bei der Infor­ma­tion über die Pläne gegeben hat. „Wir hät­ten eher informieren müssen. Das haben wir ver­passt“, sagte der Bürg­er­meis­ter. Allerd­ings seien frühere Entschei­dun­gen über Gewer­bege­bi­ete nie kon­trär disku­tiert worden.

„Die inten­sive Land­wirtschaft auf der Fläche lässt sich nicht wegleug­nen, aber es gibt Säume, die arten­re­ich sind“, hob Dr. Götz Hein­rich Loos den ökol­o­gis­chen Wert der für das Indus­triege­bi­et vorge­se­henen Fläche her­vor. Bevor man die freie Land­schaft in Anspruch nimmt, sollte zunächst im Sied­lungs­bere­ich nachverdichtet werden.

Clemens Over­mann sprach von Pla­nungs­fehlern der Ver­gan­gen­heit, die sein Ver­trauen in die Wern­er Poli­tik getrübt hät­ten. „Mitte der 1980-Jahre sollte am Stadt­park ein Hotel gebaut wer­den, das durch das Engage­ment ein­er BI ver­hin­dert wurde. An dieser Stelle befind­et sich heute die Saline“, nan­nte Over­mann ein Beispiel.  Und wäre man den Pla­nun­gen aus den 1970er Jahren gefol­gt, dann würde an Stelle des Alten Rathaus­es ein Parkhaus stehen.

Also soge­nan­nte Bürg­er­sprech­er fungierten Philipp Cramer (Wirtschafts­förderung) und BIN-Vertreter Huber­tus Rosendahl (rechts), die die Fra­gen der Bürg­er notierten und per Beam­er an die Gespräch­srunde weit­er­re­icht­en. Foto: Klaus Brüggemann

Wirtschafts­förder­er Matthias Stiller ver­sicherte, dass die Nach­haltigkeitsstrate­gie des Lan­des im neuen Gewer­bege­bi­et Berück­sich­ti­gung finde: „Wir wollen Indus­trie- und Gewer­bege­bi­ete neu denken.“ So wür­den im Bebau­ungs­plan harte Anforderun­gen an den Kli­maschutz gestellt, die für die Unternehmen verbindlich seien. Die Stadt könne Vor­re­it­er bei der Real­isierung eines kli­mafre­undlichen Gewerbe- und Indus­triege­bi­etes werden.

Michael Zurhorst hält den Wider­stand der Bürg­erini­tia­tive für ver­früht, denn derzeit gebe es noch zu wenig Fak­ten für eine sachgerechte Auseinan­der­set­zung mit dem The­ma. Deshalb hält er es für erforder­lich, weit­ere Unter­suchun­gen im Rah­men des Plan­ver­fahrens durchzuführen. Damit werde nichts fest­gelegt. „Wir haben uns in der Ver­gan­gen­heit am Ende ein­er Pla­nung auch schon gegen ein Vorhaben entsch­ieden“, so der frühere CDU-Ratsvertreter. 

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