Samstag, Dezember 4, 2021

1952 – als Polio uns fast um Sim-Jü gebracht hätte

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Werne. 2020 war eine Art Schick­sal­s­jahr für Sim-Jü. Zum ersten Mal seit dem Zweit­en Weltkrieg fiel unsere große Kirmes aus – und selb­st eine bere­its angekündigte Mini-Sim-Jü musste wegen der Pan­demie abge­sagt werden.

Sim-Jü-Experte Rain­er Schulz erin­nert sich:

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Da ich mich schon als Kind für die Geschichte von Sim-Jü leb­haft inter­essierte, fiel mir als Par­al­lele hierzu sofort das Jahr 1952 ein. 69 Jahre ist es jet­zt her, dass Sim-Jü schon ein­mal ein­er Epi­demie zum Opfer fall­en sollte, der Polio-Epi­demie, bess­er bekan­nt als Kinderlähmung.

Im August 1952 waren zur Bekämp­fung der hochansteck­enden Krankheit (oft mit Todes­folge) im Ruhrge­bi­et ein­schnei­dende Maß­nah­men erlassen wor­den, die ab Ende des Monats auch auf den Regierungs­bezirk Mün­ster aus­gedehnt wur­den. Die Bes­tim­mungen besagten unter anderem: „Massen­ver­anstal­tun­gen, die über sechs Stun­den hin­aus­ge­hen, ins­beson­dere Jahrmärk­te, Volks­feste wie Schützen­feste und Kirmessen, Tier­schaufeste und land­wirtschaftliche Ausstel­lun­gen sind verboten.“

Wir Schulkinder der Stein­torschule, die ja direkt in Kirmes­nähe lag und auf der immer die Schaustellerkinder zur Mai- und Sim-Jü-Kirmes zu Gast waren, hat­ten eine beson­dere Beziehung zu Sim-Jü. Da war die Ent­täuschung natür­lich groß und wir macht­en fast alle lange Gesichter, denn die Ver­bote soll­ten zunächst bis ein­schließlich 31. Okto­ber gel­ten, und Sim-Jü war für den 26. bis 28. Okto­ber vorgesehen.

Fröh­liche Gesichter auf dem Klassen­fo­to von der Stein­torschule aus dem Jahr 1952: Sim-Jü musste nicht abge­sagt wer­den. Foto: Sim-Jü Archiv Rain­er Schulz

Wir kon­nten uns gar nicht vorstellen, dass unsere berühmte Kirmes, auf die wir uns so freuten, aus­fall­en sollte, aber nun sah es tat­säch­lich so aus. Doch wie heute arbeit­ete die Stadtver­wal­tung, hier ins­beson­dere Ord­nungsamt und Stadtin­spek­tor August Velt­mann, unbeir­rt weit­er auf Sim-Jü hin. Er hat­te die Hoff­nung, für Sim-Jü eventuell eine Son­der­genehmi­gung erstre­it­en zu kön­nen, weil die Kirmes am Ende der Ver­botspe­ri­ode lag. Doch soweit kam es über­raschen­der­weise erst gar nicht und kurz vor Sim-Jü leit­ete Velt­mann fol­gen­den Text an die Presse weit­er: „Die Gefahr, daß das Volks­fest Sim-Jü eben­so wie viele Ver­anstal­tun­gen der let­zten Zeit ein Opfer der Kinder­läh­mung wer­den würde, ist beseit­igt. Die in der Polizeiverord­nung zum Schutze gegen die Kinder­läh­mung enthal­te­nen ein­schränk­enden Bes­tim­mungen wur­den bere­its aufge­hoben, so daß es jet­zt fest­ste­ht: auch 1952 Sim-Jü!“

Diese Nachricht wurde nicht nur von der Stadtver­wal­tung mit einem befreien­den Seufz­er der Erle­ichterung aufgenom­men. Vor allem Geschäft­sleute, Gast­wirte, nicht zulet­zt aber auch die große Zahl der Schausteller, Aussteller, Bauern, Handw­erk­er und son­sti­gen geschäftlichen Inter­essierten haben aufgeat­met, dass ihnen das lohnende „Objekt“ Sim-Jü nicht ver­loren ging.

Sich­er ist auch, dass sich die vie­len pri­vat­en Fre­unde des Simon-Juda-Jahrmark­tes, die Wern­er Bevölkerung und die vie­len auswär­ti­gen Besuch­er, freuten, dass sie im Vergnü­gungsrum­mel des Wern­er „Okto­ber­festes“ ein­mal wieder so richtig „ut de Holschken“ kommen.“

Velt­manns Text, der schnell die Runde in Werne machte, erzeugte bei uns Kindern wahre Jubel­stürme, war für uns das Fest des Jahres doch gerettet. Schon wenige Tage später hin­gen über­all die Plakate und die ersten Schausteller trudel­ten ein. Es wurde eine grandiose Kirmes mit zwei ganz beson­deren Attrak­tio­nen, dem „Wass­er-Skoot­er“ (Motor­boot-Selb­st­fahrer) und der großen Holzachter­bahn von Karus­sel­lkönig Hugo Haase, Hannover.

Nachbe­merkung: Wenige Jahre später wurde gegen die Kinder­läh­mung die soge­nan­nte Schluckimp­fung unter dem Mot­to „Schluckimp­fung ist süß – Kinder­läh­mung ist grausam“ mit großem Erfolg eingeführt.

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