Pfarrdechant Jürgen Schäfer präsentiert den frisch restaurierten Konradschrein. Foto: Anke Schwarze
Pfarrdechant Jürgen Schäfer präsentiert den frisch restaurierten Konradschrein. Foto: Anke Schwarze
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Werne. Bereits in den 1930er-Jahren sollte in der dicht besiedelten Arbeiterkolonie Evenkamp eine Kirche entstehen. Ein Kirchbauverein hatte genügend Geld und Materialien aufgetrieben. Dann verweigerten die Nationalsozialisten die Baugenehmigung. Wie weit die Pläne gediehen waren, belegt ein Kleinod, das demnächst zu neuen Ehren kommen wird: ein Reliquienschrein für ein Knöchelchen des heiligen Konrad von Parzham.

Bis zum Abriss der Kirche St. Konrad stand das kleine Schränkchen dort in einem Seitentabernakel. Wenig beachtet, waren seine Silbereinlegearbeiten mit der Zeit angelaufen, der hölzerne Rahmen verschmutzt. Wenn im Dezember die Konrad-Kapelle im Glockenturm der ehemaligen Kirche eingeweiht wird, soll der Schrein in einer prominenten Wandnische für jeden Kirchenbesucher sichtbar sein. Zu diesem Zweck hat Pfarrdechant Jürgen Schäfer ihn bei einem Restaurator in Essen fachgerecht reinigen und aufpolieren lassen. Nun präsentiert sich der Konradschrein als liturgisches Prachtstück des Art-Deco-Stils.

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In diesem klar gegliederten Art-Deco-Schrein ruhen Reliquien des heligen Konrad. Foto: Anke Schwarze
In diesem klar gegliederten Art-Deco-Schrein ruhen Reliquien des heligen Konrad. Foto: Anke Schwarze

Der Korpus aus dunklem Tropenholz besticht durch seine schlichte geometrische Form. Gitterförmig angeordnete Silberschienen betonen die rechteckigen Flächen. Ebenfalls in Silber gearbeitet wurden die klaren, schnörkellosen Buchstaben an der Front. Sie formen den Satz: „Heiliger Konrad, bitte für uns!“ Das Innere des Kastens wurde aus vergoldetem Blech gearbeitet. Ein Medaillon auf einem zylindrischen Schaft wird demnächst wieder die Konradreliquie beherbergen. Dieser monstranzähnliche Reliquienbehälter lässt sich herausnehmen. „Dann kann ich mit der Reliquie auch segnen“, erklärt Schäfer.

„Objekte aus den 1930er-Jahren haben wir kaum in unserer Gemeinde, das ist schon etwas Besonders“, fügt der Pfarrdechant hinzu. Dank eines glücklichen Zufalls lässt sich der Konradschrein sogar ziemlich exakt datieren: Irgendjemand – wahrscheinlich der Goldschmied selbst – hatte den oberen Bereich des Schränkchens mit Papier ausgestopft, um den inneren Reliquienbehälter abzufedern. Unter den zusammengeknüllten Fetzen fand Schäfer die Reste eines Umschlags, adressiert an einen Theodor K. im hessischen Hanau. Der Ort ist berühmt für seine Goldschmiedetradition. Sie geht zurück auf jene Hugenotten, die im 17. Jahrhundert aus dem katholischen Frankreich nach Deutschland flohen. Der Briefumschlag trägt einen Poststempel, datiert auf den 1. April 1937.

Die von Clemens von Galen unterschriebene Authentik für die Koradreliquie. Foto: Anke Schwarze
Die von Clemens von Galen unterschriebene Authentik für die Koradreliquie. Foto: Anke Schwarze

Dazu passt die erhaltene Authentik, also die Urkunde, welche die Echtheit der Konradreliquie bezeugt: Sie ist auf den 2. Juni 1937 datiert und wurde unterschrieben von Clemens August. Der Graf von Galen war von 1933 bis 1946 Bischof von Münster. „Das man in Werne für die Kirche im Evenkamp den heiligen Konrad zum Schutzpatron wählte, hat ein Geschmäckle“, meint Schäfer. Konrad von Parzham war 1934, ein Jahr nach der NS-Machtergreifung, heilig gesprochen worden. Der bescheidene und nächstenliebende Kapuzinerbruder galt vielen Katholiken als Gegenfigur zum nationalsozialistischen Herrenmenschentum. „Möglicherweise“, so Schäfer, „haben sich die Verantwortlichen in Werne bewusst für den Mann in der braunen Kutte gegen die braune Ideologie entschieden.“

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