Rainer Schulz (links), hier mit dem langjährigen Marktmeister-Duo Alina Mertens und Jürgen Menke, ist
Rainer Schulz (links), hier mit dem langjährigen Marktmeister-Duo Alina Mertens und Jürgen Menke, ist "Mister Sim-Jü" und ordnet die Absage des Volksfestes ein. Foto: Hillebrand (A)
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Werne. Wirklich überraschend ist die am Mittwoch verkündete Nachricht, dass Sim-Jü 2020 offiziell abgesagt ist, nicht. WERNEplus hat bei Rainer Schulz, dem Werner Experten für das älteste und größte Volksfest an der Lippe, nachgefragt.

Hat es eine vergleichbare Absage des Volksfestes, das 2012 das 650-jährige Jubiläum gefeiert hat, schon einmal gegeben?

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Im 19. Jahrhundert gab es für den wichtigen Sim-Jü-Dienstag des Öfteren Absagen, zumal wegen der Maul- und Klauenseuche. Dass die ganze Veranstaltung abgesagt worden wäre, ist zumindest nicht aktenkundig. Doch es ist es wahrscheinlich, dass Sim-Jü in Zeiten von Pest und Cholera ausgefallen ist. Weitere Ausnahmen sind die Kriegszeiten, wobei im Laufe des Zweiten Weltkriegs Sim-Jü erst in den letzten Jahren ausgefallen ist. Während des Ersten Weltkrieges gab es Sim-Jü durchgehend, wenn auch auf niedrigem Niveau. 1952 war die Veranstaltung wegen der Polio-Epidemie gefährdet. An der sogenannten Kinderlähmung starben und erkrankten damals weltweit viele Menschen. Deshalb waren im Ruhrgebiet und im Münsterland bis 31. Oktober alle großen Veranstaltungen verboten. Dieses Verbot ist jedoch drei Wochen vorher aufgehoben worden, so dass Sim-Jü doch stattfinden konnte. Dementsprechend groß war die Resonanz, eben weil vorher so viel ausgefallen war. In diesem Jahr werden wir wohl oder übel auf Sim-Jü in der Form, wie wir das Fest gewohnt sind, verzichten müssen.

Welche Alternativen sind für die Durchführung der Traditionsveranstaltung denkbar?

Denkbar ist alles, aber man muss die aktuellen Richtlinien einhalten und da wird es schwierig. Denkbar wäre eine Mini-Sim-Jü oder eine Sim-Jü light. Beispiele für vorübergehende Freizeitparks, die unter Umständen erlaubt sind, gibt es eine ganze Reihe. Das Problem ist, dass für jeden Besucher eine Verkehrsfläche von sieben Quadratmetern bereitgehalten werden muss. Wenn zum Beispiel 1.000 Besucher gleichzeitig eingelassen werden, müssten 7.000 Quadratmeter Freifläche zur Verfügung stehen. Ob so eine Alternative in Werne überhaupt machbar wäre, steht aktuell noch in den Sternen. Das wäre natürlich schön, aber das erfordert enorm viel Aufwand und Vorarbeit. Auch müsste in etwa feststehen, dass sich das Ganze für diejenigen Schausteller, die eventuell mit von der Partie wären, rechnen würde, sonst sollte man lieber die Finger davon lassen.

Glauben Sie an eine zeitnahe Lockerung der Bestimmungen?

Die Hoffnung stirbt zuletzt… aber Nein! Angesichts der aktuell wieder steigenden Fallzahlen wird sich bis Ende des Jahres kaum etwas tun. Ich hoffe nur, dass die Weihnachtsmärkte stattfinden können. Denn wenn auch die noch ausfallen, könnte das bei den Schaustellern eine Pleitewelle ungeahnten Ausmaßes bewirken, und das wäre letztlich schädlich für alle traditionellen Volksfeste wie auch Sim-Jü.

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