Arthur Armbrecht jun., Schausteller aus Hannover, beklagt die Ungleichbehandlung seines Berufsstandes. Foto: Sim-Jü-Verlag
Arthur Armbrecht jun., Schausteller aus Hannover, beklagt die Ungleichbehandlung seines Berufsstandes. Foto: Sim-Jü-Verlag
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Werne. Unter dem Titel „Der Euro bleibt!“ hat Arthur Armbrecht jun., Schausteller aus Hannover, einen Offenen Brief veröffentlicht, der das Leben der Schausteller und die gegenwärtige missliche Situation des Berufsstandes deutlich macht. Armbrecht ist ein Enkelsohn Otto Wendlers, der sein ganzes Leben zusammen mit Bruder Rudi Sim-Jü-Beschicker gewesen ist. Arthur Armbrecht und seine Eltern sind rund 20 Jahren ebenfalls eng mit Sim-Jü verbunden. Der Kirmespark „Mini-Sim-Jü“ war ein Hoffnungsschimmer, die Absage aufgrund steigender Infektionszahlen ein weiterer herber Rückschlag. In seinem emotionalen Schreiben kritisiert er die Bundesregierung.

„Viele unserer Stammkunden am Auto Scooter kennen diesen Euro nur zu gut! Vor vielen Jahren saß ich bei meinem Onkel im Wellenflug in der Kasse, da war ich vielleicht neun oder zehn. Er hatte ein Eurostück auf den Tresen geklebt, einfach wahllos drauf. Ich habe mich oft gewundert, warum er das gemacht hat, bis ich mitbekommen habe, dass jemand ein Ticket gekauft hatte. Die Gäste bezahlten und mein Onkel  legte das Rückgeld auf den Tresen. Der Gast, welcher sein Wechselgeld bis auf einen Euro schon hatte bemühte sich ihn abzubekommen und als mein Onkel ihm ein neues Geldstück daneben legte begann er den Spaß zu verstehen. Er lachte, bedankte sich und hatte noch einige Zeit ein Lächeln im Gesicht. Ich fand dieses Spiel so toll, dass ich bestimmt drei Stunden lang Tickets verkauft habe, nur um zu sehen,  wie die Leute reagieren.

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Ich war so begeistert davon, dass man den Leuten mit einem einfachen Euro so viel Spaß bereiten konnte, dass ich zu mir sagte: „Wenn ich groß bin mache ich das auch mal!“ Und da sind wir nun. Ich bin Arthur Armbrecht, 25 Jahre jung, und die 7. Generation unserer Schaustellerfamilie. Ich bin seit meinem 20. Lebensjahr selbstständig, habe eine tolle Frau eine wundervolle Tochter und weiterer Zuwachs ist auf dem Weg.

Dieses Jahr war das schlimmste was ich und meine kleine Familie in den jungen Jahren erleben mussten. Es ging nicht nur um die finanzielle Situation die in jedem anderen Schaustellerbetrieb mindestens genauso schlecht aussieht, sondern um die enorme emotionale Belastung bei jedem von uns. Ängste um die Existenz die man sich in jahrelanger harter Arbeit aufgebaut hat. Man liegt abends im Bett und fragt sich wie es denn bitte mit unserem Leben weitergehen soll, nicht mit unserem Beruf sondern mit unserem Leben. Denn viele wissen nicht, dass das Schaustellersein nicht einfach irgendein Beruf ist den man ausübt und abends heim kommt und dann ist die Arbeit vorbei. Wir leben unsere Arbeit! Wir werden groß unter Aufbaulärm, Kränen, die große Fahrgeschäfte und Achterbahnen aufbauen. Wir spielen hinter den Kulissen fangen oder verstecken während draußen viele Menschen Spaß haben. Als Kinder schlafen wir im Wohnwagen hinter unserem Geschäft, während der Festplatz gerade anfängt richtig aufzudrehen. Wenn wir älter werden, arbeiten wir mit, eine Selbstverständlichkeit und keine „Kinderarbeit“. Wir haben als Kinder die schönsten Spielplätze der Welt mit allerlei Leckereien und Attraktionen.

Wie die Zukunft für meine Kinder aussehen wird möchte ich mir aktuell nicht ausmalen, denn in unserer Gesellschaft läuft momentan ganz schön was schief! Ich bin kein Leugner oder Verschwörungstheoretiker, jedoch schlagen mir einige Entscheidungen der Bundesregierung auf den Magen. Wenn ich die Ungleichbehandlung in unserem Land sehe, dann möchte der innere Rebell aus mir raus! Wieso? Wieso dürfen Volksfeste nicht stattfinden? Es gibt mobile Freizeitparks,  in denen bundesweit bewiesen wurde, dass wir auf Veranstaltungen ein Hygienekonzept auffahren können wo sich andere „nicht Eingeschränkte“ mal eine dicke Scheibe von abschneiden könnten. Allein auf dem „Herbstvergnügen“ in Hannover stehen ca. 230 Desinfektionsspender für maximal 3800 Besucher bereit. Nur ein kleines Beispiel, denn in keiner Innenstadt, bundesweit, gibt es eine Begrenzung wie viele Leute dort schlendern dürfen ohne eine einzige öffentliche Desinfektionsmöglichkeit. Dort steht kein Sicherheitsdienst der die Passanten bittet,  Abstand zu halten oder eine Maske zu tragen. Wieso also mussten wir von Anfang an die Leidtragenden der ganzen Pandemie sein. Nicht nur wir Schausteller auch alle anderen aus der Veranstaltungsbranche erliegen faktisch einem Berufsverbot!

Wir wollen doch nichts weiter als wieder unser Leben zu führen,  für das wir geboren sind. Ich möchte wieder auf Volksfesten und Kirmessen im ganzen Land Freude und Vergnügen bereiten, den Kindern wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich möchte wieder in meiner Kasse sitzen ohne Angst zu haben, was morgen ist. Ich möchte, dass unsere Kinder genauso aufwachsen können, wie wir aufgewachsen sind, und ich möchte unsere Besucher mit dem aufgeklebten Euro weiter zum Lächeln bringen. Ich möchte die Welt lächeln sehen, ohne Maske!

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