Vor der Pandemie besuchte Familie Oelkrug mit Ariane, Berni und den Kindern Alexia und Marlon noch Disney World in Florida. Foto: Oelkrug
Vor der Pandemie besuchte Familie Oelkrug mit Ariane, Berni und den Kindern Alexia und Marlon noch Disney World in Florida. Foto: Oelkrug
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Werne. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wählen die Vereinigten Staaten von Amerika ihren Präsidenten. Bleibt Donald Trump an der Macht oder löst ihn sein Herausforderer Joe Biden ab? Im kanadischen Toronto fiebert Berni Oelkrug, der in Cleveland (USA) geboren wurde und 1996 am Gymnasium St. Christophorus in Werne sein Abitur gemacht hat, mit. Seine Stimme hat der 42-Jährige, der auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, bereits per Briefwahl abgegeben.

Bei einem Blick in sein Facebook-Profil wird klar, wen der beiden Kandidaten Oelkrug gewählt hat: Joe Biden von der demokratischen Partei. „Wir haben hier in Kanada eigentlich nicht viel zu tun mit den USA. Aber ich bin über die Spaltung in meinem Geburtsland schon sehr enttäuscht“, sagt Oelkrug, der 2012 mit Ehefrau Ariane in das Heimatland seiner Mutter nach Toronto auswanderte. Daher besitzt er auch den kanadischen Pass.

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2016 hatte das Paar überlegt, mit den beiden Kindern Alexia (8) und Marlon (6) nach San Diego in die USA zu ziehen. „Diesen Plan haben wir nach Trumps Sieg aber ganz schnell an den Nagel gehängt“, schmunzelt Oelkrug, der mit seinen beiden Brüdern in Herbern aufgewachsen ist und in Werne das Gymnasium besucht hat. Wenn Trump wieder gewählt werden sollte, sei das ein Armutszeugnis, findet der deutsche Auswanderer mit amerikanischem Pass.

2021 will die Familie Kanada verlassen und weiterziehen. Wohin, dass weiß Berni Oelkrug noch nicht. Am liebsten Neuseeland, aber das sei momentan in Zeiten von COVID-19 zu schwierig. Eines weiß er aber genau: „Wenn Trump weitere vier Jahre im Weißen Haus sitzt, ist es besser, sehr viel weiter weg zu ziehen.“ Aber auch Joe Biden werde es schwer haben: „Er stünde vor einer gigantischen Aufräumaktion in den nächsten Jahren. Egal ob Trump oder Biden: Eine USA-Rückkehr ist für uns kein Thema.“

Der Hardware-Ingenieur, der in Toronto wegen der Corona-Pandemie seit März 2020 für den Prozessoren-Hersteller Intel nur noch im Home-Office arbeitet, hofft auf einen Wahlsieg Bidens. „Nach den Umfragen sollte es fast klar sein, aber ich traue dem ganzen noch nicht, wurde schon 2016 herbe enttäuscht“, meint er. Mit der Auszählung der Briefwähler-Stimmen werde der Sieger wohl am Mittwoch noch nicht abschließend feststehen. Oelkrug wünscht sich einen deutlichen Sieg Bidens, damit keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Ergebnisses aufkommen.

Kritik an Deutschlands Halbherzigkeit bei der Pandemie-Bekämpfung

Die Corona-Pandemie spielt natürlich eine große Rolle bei den US-Wahlen. „Trump passt Covid einfach nicht in sein Wiederwahlkonzept. Er hat es erst ignoriert, bis es zu spät war, es zu kontrollieren. Jetzt versucht er mit allen Mitteln, dies zu vertuschen. Es geht ihm nur um sein eigenes Wohl, koste es was es wolle“, sagt Oelkrug.

In Kanada fühlen er und seine Familie sich in der aktuellen Situation sicherer als woanders. „Beide Kinder sind in der Onlineschule, meine Frau macht die letzen beiden Semester an der Uni auch online und ich bin noch lange im Home Office. Wir hatten überlegt, ob wir nach Deutschland zurückkehren und hier überwintern, aber dann sind die Fälle explodiert, weil im Sommer zuviel geschludert wurde“, kritisiert Oelkrug die Halbherzigkeit der Bundesregierung im Umgang mit Corona. „Das ist eine Jahrhundertpandemie. Aber viele denken, alles wäre in ein paar Wochen ausgestanden.“

Kanada habe Corona besser gehändelt, meint Oelkrug, der sich auch auf Berichte seiner Familienangehörigen, die in Deutschland leben, stützt. Die Grenze zu den USA seien seit März für Urlauber geschlossen, Strafen gegen Verstöße seien rigoros verhängt worden und fast alles funktioniere online. In kürzester Zeit sei für die Schulen ein digitales Lernkonzept aufgebaut worden. „Momentan werden 25.000 Kinder in der katholischen Onlineschule in Toronto unterrichtet“, nennt der 42-Jährige als Beispiel.

Ich hatte bei allen Berichten und Erzählungen von Freunden und Familie das Gefühl, dass alles zu lasch in Deutschland angefasst wurde. DIe Kontaktbeschränkungen wurden sehr schnell aufgehoben, als hier in Kanada noch alles zu war. Ich fande auch die Öffnungen der Schulen viel zu voreilig, ohne erstmal nach Alternativen zu schauen. Viele Menschen in Deutschland wissen überhaupt nicht, warum sie im Lockdown sind. Das Ziel ist es doch, das Gesundheitssystem durch exponentielles Ansteigen der Fälle nicht zusammenbrechen zu lassen“, so der ehemalige Schüler des Gymnasiums St. Christophorus.

Nun hofft er aber erst einmal, dass sein Kreuzchen für Biden helfen wird, Donald Trump aus dem Weißen Haus zu jagen.

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